Was sind eigentlich Foodblogger? Die “Kulinarische Momentaufnahmen” – App gibt Antworten

Posted on | Juni 16, 2013 | 2 Comments

km-gruppe-9-foodblogger_2013©ralfbilleZehn von zig Hunderten – auch so sehen Foodblogger aus (Foto: Ralf Bille)

Immer wieder mal, bin ich aufgefordert zu erklären, was genau eigentlich Foodblogger sind. Ich antworte dann stets wahrheitsgemäß: keine Ahnung!

Je länger ich selbst dabei bin, bei diesen „Foodbloggern“, umso mehr verschwimmt das Bild, Foodblogger sind längst keine fassbare Einheit mehr und waren nie ein homogenes Grüppchen – Foodblogger eint ihr Thema: die Freude am Kochen, die Freude am Genuss.

Danach wird’s schwieriger, da gibt es u.a. die Vielköche und Rezept-Chronisten, da gibt es die Kämpfer für eine gute Ernährung, da gibt es die Gastrosophen, die Restaurantkritiker, die Produkttester, die Küchenplauderer – und manche sind alles auf einmal. Allermeist übrigens Frauen, Männer finden sich deutlich seltener unter den „Foodies“, so der schreckliche, verniedlichende Mode-Anglizismus für die Schublade, die es nicht gibt. Und so unterschiedlich wie die Menschen selbst, sind ihre Ansprüche an sich und ihre Blogs. Die einen schreiben und fotografieren aus purer Lust und für Freunde, anderen sind “Relevanz” und Reichweiten wichtig. Foodblogger sind mal Marktschreier, mal eher introvertiert – immer aber eigene Persönlichkeiten.

Ariane Bille hat sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit als Kommunikationsdesignerin auf die Suche nach diesen „Foodbloggern“ gemacht und Zwölf von ihnen porträtiert. Das Ergebnis ihrer Arbeit Kulinarische Momentaufnahmen – Die bunte Welt der Foodblogs ist jetzt exklusiv in der Caramelized-App erhältlich. Kommenden Herbst erscheint es als gedrucktes Buch im Hädecke Verlag.

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Der Pressetext verrät:„Im Buch trifft lebensmittelindustriekritische Kulinarikjournalistin auf buchschreibenden Foodstylisten, kochsüchtiger Werbetexter auf pensionierten Chemieingenieur und ehemaliger Burgerbrater auf kochshowerprobte Architektin. Sie erzählen in Interviews über ihre Leidenschaft fürs Essen, wo diese ihren Ursprung hat und warum sie so gerne darüber schreiben, was sie daran reizt, sich von wildfremden Menschen in die Töpfe blicken zu lassen, wie aus virtuellen Bekanntschaften wahre Freundschaften entstehen oder welche Mission sie mit dem Bloggen verfolgen.

Natürlich wird auch gekocht: 48 Rezepte finden sich im Buch, die von den teilnehmenden Bloggern zu saisonalen vier Gänge Menüs zusammengestellt wurden. Die Hälfte aller Rezepte wurde zudem exklusiv für diese App entwickelt. 12 Blogs, 12 Monate, 12 Menüs.

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In der App finden sich neben vielen schönen Rezeptfotos auch Step-by-Step-Ansichten mit vielen Bildern, die das Nachkochen der Rezepte erleichtern. In den Interviews und Rezepten finden sich zahlreiche weiterführende Links, zudem stellen alle Portraitierten jeweils ihre 12 Lieblingsfoodblogs vor.

Auch ich bin einer der im Buch portraitierten BloggerInnen und hatte dementsprechend das große Vergnügen, Ende Mai auch beim Caramelized Kochevent anlässlich der App-Presservorstellung in Hamburg dabei zu sein. 9 der 12 Portratierten trafen sich dort um gemeinsam für geladene Journalisten aufzukochen. Bebilderte Nachberichterstattungen dazu finden sich u.a. in diesen Blogs (Direktlinks zu den Beiträgen):

Kulinarische Momentaufnahmen (von der Autorin selbst)
Vorspeisenplatte
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Küchentanz

Persönlich entdeckte ich an diesem Nachmittag weitere Gemeinsamkeiten, die viele FoodbloggerInnen verbindet: eine herzliche Freundlichkeit, Begeisterung für die gemeinsame Passion und eine unstillbare Neugier auf die Töpfe des Nachbarn. Ariane Bille hat den Topfdeckel für alle ein wenig angehoben und es gibt viel zu entdecken. Lassen Sie sich überraschen!

DIE APP:

Ariane Bille
Kulinarische Momentaufnahmen – Die bunte Welt der Foodblogs
Interviews, Geschichten, Rezepte
94 Seiten | 48 saisonale Rezepte mit zahlreichen Step-by-Step-Bildern
5,99 €
Caramelized GmbH

Seit Juni 2013 ist das Buch als In-App der Caramelized-App über den App-Store erhältlich und bald auch im eigenen Caramelized-Shop.
Kommenden Herbst erscheint es als gedrucktes Buch im Hädecke Verlag.

Weiterführende Links:

Ariane Billes Blog zum Projekt “Kulinarische Momentaufnahmen”

Presseinformationen und Fotos zur App

Homepage Caramelized

Die App im iTunes Store

Wer sich darüber hinaus auf Entdeckungsreise durch deutschsprachige Foodblogs machen möchte, dem ist der Besuch von

Köstlich & Konsorten

sehr zu empfehlen, ein verlinkte Sammlung deutschsprachiger Foodblogs in der Übersicht.

Köstlich und Konsorten gibt es auch zweimal auch auf Facebook, als Facebookseite und als offene Gruppe.

Gelesen: “Speisende soll man nicht aufhalten” von Patrik Stäbler

Posted on | Juni 10, 2013 | 3 Comments

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Eine Deutschlandreise über den Tellerrand hinaus, verspricht der Untertitel von Patrik Stäblers Buchs „Speisende soll man nicht aufhalten“, das jetzt im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen ist. Während der Lektüre ist man froh, den Journalisten vom Sofa aus auf seiner Reise durch die Regionalküchen begleiten zu dürfen – Stäbler reiste nämlich, kaum zu glauben, per Anhalter durch die Republik.

Den Autostopp per Daumenzeig, ein Relikt der Achtziger Jahre, glaubte zumindest ich längst ausgestorben, wer bitte trampt denn heute noch? Dass müssen sich auch ein Großteil der Autofahrer gedacht haben, die am Deutschlandreisenden Stäbler (Jahrgang 1980) vorbei rauschten. Immer wieder hängt der Autor fest, zwischen Maultaschenland und Mutzenbraten, unterwegs in die entlegensten Winkel der Republik.

Dass Stäbler sich zudem stets bei wildfremden Leuten einquartiert, die sich über eine Couchsurfer-Dienst im Internet organisieren, mag als Nebensatz festgehalten sein – wirklich wunderlich sind die Entdeckungen des Autors in den Regionalküchen der 16 Bundesländer, da mutet vieles exotischer an als ein Thai-Curry. Sushi-Teller und Köfte-Spieß sind heute vielen Deutschen vertrauter als die eigene Regionalküche und auch Stäbler selbst berichtet mit einigem Staunen von Teichelmauke, Knieperkohl, Dibbelappes und Bötel mit Lehm und Stroh.

Im ganzen Land trifft Stäbler Menschen, die eine besondere Leidenschaft entwickelt haben, sich für diese oder jener Spezialität ihrer Region stark machen, und immer wieder wirkt es, als haben sie nur auf Stäbler gewartet, dem sie begeistert vom Reichtum ihrer Regionalküche erzählen, mit Hingabe für den Journalisten aufkochen, erklären und erläutern. (Stäbler listet am Ende des Buches alle Adressen auf, in denen er authentisch bekocht wurde, ein guter Service, alleine dafür werde ich das Buch noch öfter in die Hand nehmen.)

Und das sind die ganz besonderen Momente im Buch, wenn die ansteckende Begeisterung der Menschen für ihre Küche, ihre kulinarischen Traditionen spürbar wird. Stäblers Reisenotizen halten auch fest, was langsam verschwindet und beinahe schon in Vergessenheit geraten ist, der Autor wird zum Archivar dieser Traditionen.

Auch wenn Stäblers Reiseberichte hier und da eventuell ein bisschen bemüht humoristisch gefärbt sind: was der Autor gefunden und akribisch recherchiert hat, dürfte nicht nur für interessierten Kulinarikern spannend sein. Und die wiederentdeckten Gerichte mit Geschichte könne auch nachgekocht werden, die beschriebenen Rezepte sind den Kapiteln angefügt.

Nebenbei wird auch so mancher alter Zopf abgeschnitten. Gleich mehrere langlebige Anekdoten, rund um bekanntere Nationalgerichte, werden schlüssig ins Reich der Legenden überführt. Ganz in der Tradition der Kulturhistorikerin Petra Foede, die in bereits zwei Büchern und ihrem Blog immer wieder die Hintergründe zu berühmten Gerichten recherchiert, gelingen Stäbler und seinen Informanten einige geschichtliche Neuschreibungen.

Manchmal wünschte man sich, man hätte an der ein oder andere Mär festgehalten: Stäblers neu gewonnenen Erkenntnisse über den Ursprung des Gaisburger Marsch beispielsweise, dürfte nicht nur Schwaben die Tränen in die Augen treiben. Und dass die Schwarzwälder Kirschtorte aus Tübingen stammt, ist nur eine von vielen, höchst überraschenden Erkenntnissen dieser kulinarischen Deutschland-Reise, die tatsächlich weit über den eigenen Tellerrand hinaus führt.

Weiterführende Infos:

Über seine Deutschlandfahrt hat Patrik Stäbler auch ein Blog geführt, dort finden sich viele Fotos, Berichte und Videos von der Reise:

www.deutschland-isst.info

Der Autor führt auch ein Foodblog und unterhält einen kulinarischen Newsletter, der dort kostenfrei abonniert werden kann und sich wohltuend von sonstigen kulinarischen Newslettern abhebt: Stäbler sichtet wöchentlich Foodblogs und Presse nach interessanten Geschichten, durchaus auch kritisch und mit ernährungspolitischem Schwerpunkt. Empfehlenswert!

www.schmausepost.de

Das Buch:

Patrik Stäbler
Speisende soll man nicht aufhalten

rororo, Juni 2013
8,99 Euro
304 Seiten
ISBN 978-3-499-62227-4

Grattis till bröllopet! – “Biff à la Lindström” zur Hochzeit von Prinzessin Madeleine von Schweden

Posted on | Juni 8, 2013 | No Comments

HRH+PrincessMadeleineMrONeill_TheRoyalCourtSWE-Photo_Brigitte_Grenfeldt+kopiaHerr Christopher O’Neill och Prinsessan Madeleine. Foto: Brigitte Grenfeldt/Kungahuset.se

Die Aufregung ist schon seit Tagen spürbar und heute ist der große Tag! Die Hochzeitsvorbereitungen im Hause Paulsen sind in vollem Gange. Die Liebste hat mich schon am frühen morgen mit einem langen Einkaufszettel zum Supermarkt geschickt („Knabberkram (edel!)“), die Getränke sind kalt gestellt und gleich ist Anprobe für das passende Kleid zur Fernsehübertragung im ZDF: wenn pünktlich um 15.05 die Hochzeit von Prinzessin Madeleine aus Schweden und ihrem Verlobten Christopher O´Neill beginnt, darf ich mitkucken, soll aber leise sein, oder: „Du kannst doch auch mit Deinem neuen Fahrrad fahren.“

Ein kleines Wölkchen gibt es auch am königsblauen Himmel, so folgt die Liebste der Einschätzung des Adelsexperten Ralph-Kaffeklatsch-Morgenstern der diese Woche in der TV-Show „Das perfekte Dinner“ zu Protokoll gab, er traue dem Verlobten nicht und Christophers Mutter sähe zudem aus „wie eine Eislaufmutter.“

Mich ficht solcherlei Spekulatives nicht an, ich wünsche dem jungen Paar alles Glück der Welt und die Einsicht, dass Liebe Arbeit macht. Als kleines Geschenk aus meiner Küche, kommt hier das Rezept für jenen schwedischen Hackbraten, den Ebba Mattsson in der geschichte “Röda Huset” aus meinem Buch Schlaraffenland auftischt. Möge er das junge Glück stärken und in schlechten Zeiten trösten! Grattis till bröllopet!

Biff à la Lindström!

Herr Mattsson und seine Kinder klatschen Beifall, als Ebba Mattsson kurze Zeit später einen mächtigen Hackbraten aus der Küche herein trägt: „Biff à la Lindström auf meine Art!“, wir klatschen begeistert mit. Dicke Scheiben des saftigen Bratens im knusprigen Speckkleid, mit Roter Bete und salzigen Kapern im Hack, werden auf Tellern verteilt, in duftender Steinpilzsauce ertränkt, dazu werden Gewürzgurken gereicht. Es ist längst nicht mehr der Hunger, der uns schnell um Nachschlag bitten lässt.“ (Auszug aus: Schlaraffenland)

Biff

Für 6 Personen brauchen Sie:

120 g Zwiebeln
200 g gekochte Rote Bete
500 g Rinderhackfleisch
20 g Kapern aus dem Glas, abgetropft
1 El scharfer Senf
1 Ei (M/L)
Salz
Pfeffer
125 g Bacon in Scheiben
15 g getrocknete Steinpilze
300 ml Gemüsebrühe
250 ml Schlagsahne
200 g braune Champignons
2-4 El trockener Weißwein
2-4 EL Fix-Saucenbinder (hell oder dunkel)
6 Gewürzgurken

Zubereitung:

Zwiebeln und Rote Bete fein würfeln und beides mit Hack, Kapern, Senf und Ei in eine Schüssel geben. Mit Salz und Pfeffer kräftig würzen und gründlich verkneten. Baconscheiben leicht übereinanderlappend nebeneinander auf einem Brett ausbreiten. Das Hackfleisch zu einem Laib formen und darauflegen.

Die Baconscheiben über dem Hack-Laib zusammenlegen. Den Hackbraten im Speckmantel jetzt umdrehen und mit der Specknaht nach unten auf ein Blech mit Backpapier setzen. Im heißen Ofen, bei 200 Grad, 1 Stunde garen.

Die Steinpilze mit einer Schere in feine Stücke schneiden und mit Brühe und Sahne in einem kleinen Topf offen 40 Minuten leise einkochen. Champignons in dünne Scheiben schneiden und nach Ablauf der Kochzeit zur Sauce geben. Nochmals 5 Minuten offen kochen. Die Sauce mit Weißwein, Salz und Pfeffer abschmecken und je nach Geschmack mit 2-4 Esslöffeln Fix-Saucenbinder nach Packungsanweisung binden.

Gewürzgurken halbieren, die Hälften in Fächer schneiden. Den Braten in Scheiben schneiden und mit Sauce und Gewürzgurken servieren. Ebba Mattson serviert als Beilagen am liebsten gebutterte Erbsen und Salzkartoffeln.

Tipp:

Je nach Saison lässt sich die Pilzsauce variieren, z.B. mit frischen Steinpilzen, Pfifferlingen oder gemischten Pilzen. Für eine schnelle Alltagsvariante, schmeckt die Sauce auch hervorragend zu Köttbullar-Fleischbällchen!

Und falls mich jemand sucht, ich bin mit dem Rad unterwegs!

Verlosung: Mumm´s Finest – ein interdisziplinärer Genussabend in Hamburg

Posted on | Juni 5, 2013 | No Comments

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Was für ein Abend! Stellen Sie sich vor: Oliver Trific vom Restaurant Trific kocht für Sie auf, der Hamburger Mixologe und Barkeeper Marcel Baumann serviert Ihnen gepflegte Drinks und beide erzählen ein bißchen von ihrer Arbeit. Das alleine wäre schon ein formidabler Abend, aber die Gastgeber von Mumm´s Finest haben sich für den interdisziplinären Genussabend weitere spannende Gäste geladen: der gelernte Fotograf, Interior-Designer und Einrichtungsexperte Richard Lotzmann gewährt Einblicke, die Künstlerin Ini Neumann zeigt ihre Arbeiten zwischen Bleistift und Digitalismus. Und nicht zuletzt wird an diesem Abend Miu auftreten, die Sängerin präsentiert auf ihrem ersten Album “May I Introduce” eine Mischung aus Soul, Funk, Swing und Jazz – begleitet von einer siebenköpfigen Band.

Kulinarik, Kunst, Musik und Talk in einer aussergewöhnlichen Lokation – für den exklusiven Abend der Sektkellerei Mumm gibt es keine Karten, nur auf Einladung kann man den schönen Abend genießen. Ich bin leider verhindert (argh!), habe den Veranstaltern aber 2 X 2 Einladungen für NutriCulinary-LeserInnen abgeschwatzt!

Schauen Sie also in Ihren Kalender und wenn Sie am Dienstag, den 18. Juni 2013 (20.00 Uhr) noch nichts vorhaben, schnappen Sie sich Ihren Herzensmensch und nehmen Sie an der Verlosung teil.

Zwei Fragen habe ich:

1. In welchem Monat und welchem Jahr eröffnete Oliver Trific sein Restaurant Trific?
2. Wie hießen die drei Brüder, die 1827 im französischen Reims die Champagnerkellerei „P.A. Mumm“ gründeten.

Die hoffentlich richtigen Antworten gerne per Mail an herrpaulsen (at) gmx (dot) de. Die Gewinner werden von einer total unbestechlichen Glücksfee ausgelost und am kommenden Sonntag benachrichtigt.
Per Mail erfahren Sie dann auch die Adresse der Location im Herzen Hamburgs. Der Rechtsweg ist sowas von ausgeschlossen, nicht mal ein Notar wird vor Ort sein, ich drücke Ihnen aber die Daumen!

Viel Glück!

Brot selber backen: für Dummies, Laien und Besser-Wisser

Posted on | Mai 31, 2013 | 18 Comments

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Der Duft von frischem Brot gehört zu den schönsten Küchendüften. Im Hause Paulsen ist er ein eher seltener Gast, ich bin nämlich, was das Brotbacken anbelangt, ähm… eher minderbegabt. Stets verdichten sich Wasser, Mehl und Treiber in meinem Backofen zu Zement-harten Quadern an denen sich selbst Bieber die Zähne ausbeißen würden. Mit Schrecken erinnert sich auch die Liebste an meinen letzten Backversuch, ich hatte „Sonntagsbrötchen“ gemacht – jedes einzelne der putzig aussehenden Sesamteiglinge (s.o.) ein gelungener Beitrag zur Unterstützung der Welthungerhilfe: mit nur einem Brötchen kriegt man bis zu zwölf Personen satt!

Ich könnte ja Brot und Brötchen auch kaufen. Leider wohne ich aber in Hamburg/Eimsbüttel und alle 12 (!) fußläufig erreichbaren „Bäckereien“ verkaufen die immergleichen freudlosen Backmischungen und sind beleidigt wenn man ihre pappigen „Krusties“ aus Versehen mit den pappigen „Krossies“ der Konkurrenz verwechselt. Dabei ist es wirklich echt völlig egal wo man sich angestellt hat, für das Grauen in Teigform.

Eine Weile lang glaubte ich noch an ein Nord-Süd-Gefälle. Auf Reisen fand ich südlich des Mains stets tadellos-lobenswertes Backwerk aus familiengeführten Bäckereien auf meinem Frühstücksteller. Aber auch hier sterben die handwerklichen Betriebe langsam aus und die Filialisten übernehmen. So erreichte mich beispielweise vergangene Woche aus dem schönen Feuchtwangen die Meldung, dass der letzte, noch in der Stadt nach Handwerksart backende Bäcker, an Heiligabend seinen Laden schließen wird.

Es bleibt die Hoffnung, dass es mit dem Brot so werden wird, wie mit dem Bier. Erinnern Sie sich? Das Brauerei-Sterben? Die Heuschreckeneinkäufe der großen Bierkonzerne. Landauf-Landab die ewig gleichen TV-beworbenen Biere auf den Getränkekarten. Heute erobern Kleinst-Brauereien den Markt zurück, regionales und handwerklich gebrautes Craft-Beer mit Charakter ist gefragt wie nie.

Und ein paar wackere Kulinariker sind auch schon in Sachen Brot unterwegs, sie motivieren uns, den Teig endlich wieder selbst in die Hand zu nehmen. Drei Brot-Rettungsmaßnamen möchte ich vorstellen:

1. Brotliebling – Brotbacken für Dummies!

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Das kann selbst ich! Beim Berliner Start up Brotliebling kann man sich Online sein Lieblingsbrot zusammenstellen, der Beutel mit der persönlichen Backmischung kommt per Post: mit Gebrauchsanleitung und sogar ein Bogen Backpapier ist dabei. Ob Mehl, Nüsse, Kräuter, Samen oder Früchte – Brotliebling verwendet ausschließlich Bio-Zutaten. Und mit jeder Bestellung tut man auch noch Gutes, denn Brotliebling unterstützt das Projekt Eine Mahlzeit für alle Kinder des Deutschen Kinderhilfswerks. Jeder Kauf eines Brotliebling-Brotes hilft bedürftigen Kindern in Berlin.

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Im Praxistest hat mich „mein“ Brot begeistert: Wasser dazu, kneten, gehen lassen, backen und fertig war mein Roggensauerteigbrot mit Roggenvollkornschrot, Meersalz, duftendem Kümmel und Sesam. Knusprige Kruste, lockere Krume, gehaltvoll, würzig. Das kann wirklich jeder:

www.brotliebling.de

2. Das Brotbackbuch – Lutz Geißler macht Lust auf „ursprüngliches Brot“

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Neidvoll blicke ich bisweilen ins kulinarische Internet, insbesondere die Kolleginnen und Kollegen Foodblogger scheinen allesamt ein gutes Händchen für Brot zu haben. Einer der sich mit Leib und Seele der traditionellen Brotbackkunst verschrieben hat, ist der Geologe Lutz Geißler. Seit 2009 betreibt er sein Plötzblog – eine Online-Backstube in der Geißler die Geheimnisse von Bauernbrot, Brezel und Baguette erforscht. Die zahlreichen Rezepte sind mundwässernd bebildert, die Rezepte mit Akribie und Hingabe notiert. Nur das perfekte Ergebnis ist gut genug für Lutz Geißler. Videoanleitungen sorgen für visuelle Unterstützung, Tipps und Tricks rund ums Thema runden das Angebot ab.

www.ploetzblog.de

Jetzt hat Lutz Geißler ein Buch zum Thema geschrieben, im Juli erscheint Das Brotbackbuch im Eugen Ulmer Verlag und kann jetzt schon auf der eigens für das Buch eingerichteten Internetseite vorbestellt werden:

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www.brotbackbuch.de

Auf alleine über 100 Seiten ist das Grundlagenwissen zum Thema zusammengefasst: „…von wichtigem und unnötigem Zubehör über Warenkunde, Teigführungsmethoden, Möglichkeiten der Beeinflussung der Vorgänge im Teig, bis hin zu handwerklichen Fähigkeiten wie Dehnen und Falten, Kneten, Wirken oder Einschneiden von Teiglingen.“ schreibt Lutz Geißler selbst über sein Buch im Plötzblog.

Neben dem „Wie“ erklärt Lutz Geißler auch das „Warum“. Er möchte einerseits zeigen, wie einfach Brotbacken sein kann, „luftig-lockeres“-Halbwissen will er aber nicht vermitteln: Interessierte und Fortgeschrittene haben die Möglichkeit, sich bei Bedarf sehr intensiv ins Thema einzulesen. Geißler, selbst Rezensent zahlreicher Brotbackbücher schreibt: “Das Brotbackbuch ist, soweit ich das überblicken kann, momentan das einzige deutschsprachige Brotbackbuch für Hobbybäcker, das sich in dieser Fülle den Grundlagen des Brotbackens widmet.“.

Ich habe mein Exemplar heute bestellt.

3. journal culinaire N° 15 Brot backen – Kulturgeschichte und Wissenschaft

Das journal culinaire ist eine Schriftreihe, die sich der Veröffentlichung neuster Forschungsergebnisse auf dem aktuellen Wissensstand der Kulinaristik verschrieben hat. Das gebundene Magazin erscheint halbjährlich in der Edition Wurzer & Vilgis, die 15te Ausgabe beschäftigte sich schon 2012 auch mit dem Thema Brot.

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Der schöne Band versammelt Aufsätze zum Thema, geschrieben von Natur-, Geistes- und Kulturwissenschaftlern, Fachjournalisten und Köchen. Von der Bedeutung des Brotes in religiöser Praxis und Theologie bis zu einer Betrachtung der Brotgewürz-Moden im Wandel der Zeit, spannt sich der inhaltliche Bogen.

Was auf den ersten Blick leicht nerdig wirken könnte, ist für interessierte Brot-Aficionados und Kulinariker eine erhellende Lektüre, mich haben insbesondere die geschichtlichen Herleitungen und Abhandlungen sehr interessiert. Rezepte finden sich auch, da verrät beispielsweise Küchenchef Andreas Sondej vom Söl´ring Hof das Rezept für Sylter Spitzkohlbrot und Lauchbrot, so wie Johannes King und er es ihren Gästen im Restaurant servieren.

Forum nennt sich der zweite Teil des Magazines, hier werden abseits des Hauptthemas kulinarische Entwicklungen abgehandelt, etwa die Sprachverwirrung bei der Fischbestimmung oder “Ängste, Risiken und Gefahren beim Sammeln von Wildkräutern” beleuchtet. Es gibt eine Betrachtung zum Bamberger Rauchbier, es werden die Möglichkeiten akustischer Speisekarten ergründet und die barocke Kunst des Tranchierens in der Luft vorgestellt.

Möglichkeiten der Einzelheftbestellung finden sich auf der Homepage des Magazins, es hilft aber auch jede Buchhandlung weiter.

www.journal-culinaire.de

Insgesamt sieht es also so aus, als könnten wir den Krusties und Krossies dieser Welt doch noch entkommen – die richtigen Zutaten, verständlich geschriebene Backanleitungen, inspirierende Rezepte und ein bisschen Hintergrundwissen sind der kurze Weg zum besten Brot der Welt: dem Selbstgebackenen.

Und wie das duftet!

Küchenmusik (10): Blue Uganda – Viva con Agua in Uganda

Posted on | Mai 25, 2013 | 2 Comments

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Seit Jahren setzen sich Viva con Agua aus Hamburg hauptberuflich und nachhaltig für die Verbesserung der Trinkwassersituation in Entwicklungsländern ein, um den Menschen dort Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen und Hygieneeinrichtungen zu ermöglichen. Dabei geht die vom ehemaligen FC. St. Pauli Spieler Benjamin Adrion 2005 ins Leben gerufene Organisation, gemeinsam mit Projektpartnern wie der Welthungerhilfe, neue Wege beim Helfen. Helfen soll Spaß machen und darum organisieren Viva con Agua Konzerte, Lesungen und Events, klären auf, sammeln Spenden, informieren auf Openairs von Wacken bis zum Summerjam, organisieren Sportevents.

Anfang des Jahres reiste Viva con Agua wieder nach Uganda, um sich die Entwicklungen in der Projektregion Lira, im Norden des Landes, anzuschauen. Mit dabei in der großen Reisegruppe, die auch von einem Kamerateam des ZDF begleitet wurde, waren die deutschen Hip-Hop-Artists Materia und Maeckes. Mitgebracht haben sie den geschmeidigen Track Blue Uganda, der gemeinsam mit den MusikerInnen Abramz, Sylvester, Lady Slyke und Bris Jean aus Uganda entstand. Das großartige Video dazu verantwortet der Hamburger Fotograf Paul Ripke. Big up!

BLUE UGANDA – Marteria, Maeckes, Abramz, Sylvester, Lady Slyke, Bris Jean from Viva con Agua on Vimeo.

Jeder Download des Songs unterstützt die Arbeit von Viva con Agua für sauberes Trinkwasser!Link zum Download vom BLUE UGANDA Song:

http://snip.ftpromo.net/blueuganda

Mehr zur Reise und dem Uganda Brunnen-Projekt gibt es nicht nur hier auf der seite von Viva con Agua! Um die Arbeit der Welthungerhilfe und Viva con Agua, die Themen “Wasser, Sanitär, Hygiene” (WASH) und die Sinnhaftigkeit von langfristig angelegten Entwicklungsprojekten einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, war ein ZDF-Team auf der kompletten Reise mit dabei und hat eine Reportage produzieren, die in zwei Teilen (Länge: jeweils 60 Minuten) ab 11. Juli auf ZDFkultur gezeigt wird. Ich programmier gleich mal den Festplattenrekorde. Infos zur Sendung:

http://www.zdf.de/ZDFkultur/BLUganda-Ein-Afrikatrip

Statt Tatort: “Revolution und Schlaraffenland” – die 1 LIVE Shortstory-Radiolesung am Sonntag

Posted on | Mai 17, 2013 | No Comments

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Der WDR hat aus zweien meiner Schlaraffenland-Geschichten ein Radiofeature produziert, für die 1 LIVE Plan B Shortstorys wurden die Geschichten unter der Regie von Susanne Krings mit den Sprechern Lara Pitjou und Orlando Claus aufgenommen. Am Sonntagabend (19. Mai. 2013) sind “Revolution” und “Schlaraffenland” ab 21.00 Uhr zu hören. Eine Stunde läuft die Sendung, die im Anschluss NICHT online abrufbar sein wird, insofern lohnt am Sonntag der Klick zum Livesteam:

http://www.einslive.de/sendungen/plan_b/shortstory
(ganz oben rechts auf der Seite findet sich der Button “Webradio hören”)

oder man programmiert den kostenlosen WDR RadioRecorder, download hier (dolles Ding!)

Eine 2 Minütige Hörprobe gibt es schon hier und es fühlt sich seltsam an, die Geschichte(n) von anderen Sprechern interpretiert zu hören – ich bin selbst wohl am allermeisten gespannt, wie das am Sonntag tönt!

Die Auswahl gefällt mir sehr gut, “Revolution” war auf den Lesereisen immer ein Publikumsliebling. Die Geschichte zweier Foodblogger im Kampf um das politisch korrektere Leben, erfährt zudem gerade Aktualität durch die Netz-Diskussionen über Sinn, Unsinn und Wahnsinn des gesellschaftlichen Engagements in Zeiten von Social Media.

Die zweite Geschichte wird “Schlaraffenland” sein, die titelgebende Gesichte meines Buches, ist echt schwer zu lesen, ziemlich temporeich am Ende und man muss “berlinern” können, wie die Hauptprotagonistin Herta Klöpke. Die resolute Kantinenchefin eines Kaufhauses wird von einem jungen Manager-Schnösel in den Vorruhestand befördert und will sich das nicht gefallen lassen. Eines Nachts kocht Sie am alten Arbeitsplatz nochmal ganz groß auf…

“Revolution” und “Schlaraffenland” – die 1LIVE Plan B Shortstory, Sonntag, 19. Mai 2013, 21 bis 22 Uhr

Fête du Travail – Haebel & Baumanns Menü zum Mai

Posted on | Mai 4, 2013 | 4 Comments

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Die Tarterie St.Pauli ist ein Phänomen: Fabio Haebels Café wird ausschließlich von Freunden und Stammgästen besucht. Und täglich werden es mehr. Das mag daran liegen, das Tarterie-Chef Haebel und seine Belegschaft neben ofenknusprigen Tartes, gepflegten Drinks, bestem Kaffee und unprätentiöser Bistroküche vor allem eines im Programm haben: gastfreundschaftliche Herzlichkeit.

Kein Wunder also, dass auch die Fête du Travail, eine Stunde nach Bekanntgabe auf Facebook ausverkauft war: gemeinsam mit dem Hamburger Bartender Marcel Baumann lud Haebel zum 5-Gangmenü in den Mai, man wolle mal: „zeigen was wir so können“.

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Helden der Arbeit in Versenkung: Fabio Haebel und Marcel Baumann

Vorweg gabs Abendsonne und prickelnden Cremant, die Gastgeber plauschten tiefenentspannt mit den eintrudelnden Gästen. Der Auftakt dann so übersichtlich wie grandios! Hauchzart aufgeschnittene, rohe Jakobsmuschel beschöpft mit warmer Mohnbutter einem Hauch Honig und Kresse – mit wenigen Zutaten gelang eine sensationelle Vorspeise, buttrig-süß und nussig-zart die Jakobsmuscheln und selbst die von mir zu Unrecht als „Augengimmick“ verdächtigte Kresse, passte perfekt!

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Ein ganz großer Gang, den ich klauen werde.

Die folgende Consomée war mir dann ein wenig zu viel Purismus und wirkte wie eine Satire auf die molekulare Küche: eine klare Spargelbrühe ohne Einlage, auf deren Tellerand sich ein zitternder Würfel Schinken-Gelee unter einem Parmesanchip versteckte.

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Der Geleewürfel mit Schinkengeschmack löste sich, nach Anleitung durch die Küchenchefs, in der Consomée und in Wohlgefallen auf: die Suppe schmeckte. Gleichwohl sind es eben doch der Spargel und der Katenschinken, die bei einer Spargel-Consomée mit Spargel und Katenschinken das Schönste sind.

Der nächste Gang wieder einer dieser raren Glücksmomente, die man nur selten in Restaurants erleben darf: Minimalismus mit „wau!“-Effekt und neuer Geschmackswelt. Da lag ein schlicht gebratener Kräuterseitling auf einer aufgepinselten Spur Fichten(!)-Jus, anbei ein wenig grobes Salz, Bachkresse und eine essbare Blüte.

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Sensationell im Superlativ! Ein perfekt-match aus diesem wunderbaren Pilz mit Biss und der tiefen, hochintensiven Jus, die zart nach Tannenwald schmeckte, dazu knusperte das Salz beim Genießen der ansonsten ungewürzten Kräuterseitlinge.

Beim Hauptgang dann Befürchtungen vorweg: Rinderfilet gehört allermeist nicht zu den Fleischteilen die Köche in kreative Rauschzustände zu versetzen mögen. Außerdem war es mittlerweile zu dunkel für meine blöde Smartphone-Knipse. Imaginieren Sie darum bitte selbst:

Das Rinderfilet-Steak auf knackig grünem Spargel und Roter Bete anbei, überzeugte Aufgrund des perfekt gebratenen, butterzarten Fleisches von höchster Qualität, dazu eine sparsam geträufelte, dafür umso würzigere Jus. Das muss man können. Ich glaube nicht, dass an diesem Abend noch irgendwo sonst in Hamburg DAS perfekte Rinderfiletsteak serviert wurde.

Zum Finale wieder Gewagtes: ein Sorbet aus Apfel mit Wasabi-Wölkchen, Olivenöl und Campari-Krokant, begeisterte mich als zartschmelzendes Ganzes. Und außerdem, ich mein, hallo: ofengetrockneter Campari! Chapeau! die Herren!

Das was Baumann und Haebel da, quasi in ihrer Freizeit, für uns zubereitet hatten, entsprach in weiten Teilen meiner Vorstellung einer modernen Restaurantküche: handwerkliche Perfektion die auf beste Produkte vertraut – als Basis für Teller von vermeintliche Schlichtheit, die kompositorisch wie auch geschmacklich zu überraschen und zu überzeugen verstehen.

Und dann gab es noch ein paar sehr gute Gin Tonic.

Tarterie St. Pauli
Paul-Roosen-Straße 31
22767 Hamburg

www.facebook.com/tarterie

Öffnungszeiten
Mo – Di: 11:00 – 18:00
Do – Sa: 11:00 – 22:00
So: 11:00 – 18:00

Abschied von Albert Bouley

Posted on | April 28, 2013 | 8 Comments

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Er hatte Karten bestellt für meine Lesung beim WortMenue-Festival in Überlingen am vergangenen Dienstag und ich freute mich auf das Wiedersehen mit meinem Lehrmeister. Doch es sollte nicht sein. Am Tag nach der Lesung erfuhr ich von seinem Tod, viel zu früh, mit nur 63 Jahren, verstarb Albert Bouley nach einer kurzen Krankheit am 23. April 2013.

Albert Bouley ist einer der ganz großen Meister unter den deutschen Spitzenköchen, sein Restaurant Waldhorn mit dem gleichnamigen Hotel in Ravensburg war, insbesondere in den 80er und 90er Jahren, ein Wallfahrtsort für Gourmets – Bouley verwob als einer der Ersten Produkte und Zubereitungen der japanischen und chinesischen Hochküche mit Elementen der klassischen Nouvelle Cuisine der 70er und 80er Jahre.

Der Sohn deutsch-französischer Eltern gilt, gemeinsam mit André Jaeger vom Restaurant Fischerzunft in Schaffhausen am Rhein, als Kreateur der euroasiatischen Küche in Deutschland. 19 von 20 Punkten war das dem Gault Millau wert, 19 Jahre lang strahlte ein Michelin-Stern über dem Waldhorn. 1988 hatte ich das große Glück, als Lehrling in den heiligen Hallen von „Monsieur“ aufgenommen zu werden.

Misopaste, Wasabiwurzel, Udon-Nudeln – bei Albert Bouley gab es alles und alles zehn Jahre früher als irgendwo sonst in Deutschland, alles blickte zu jener Zeit in seine Küche. Nach einer achtwöchigen Probezeit war ich aufgenommen. Er war der König, seine Lehrlinge waren Königskinder. Er schenkte uns eine Ausbildung, die es an Härte und Menschlichkeit nicht fehlen ließ. Er verzieh jedem Witzigmann-Schüler alles, uns Lehrlingen nichts.

Seine Begeisterung für die Kochkunst war gänzlich und bedingungslos. Kochen, das war für ihn ein dringend zu erlernendes Handwerk, nur um dann alles in Frage zu stellen und neu zu arrangieren. Handwerk und Kopf bildeten dabei die Basis, der später dann bestenfalls Bauchgefühl und Innovation folgen konnten. Uns Lehrlingen gegenüber fasste er das immer so zusammen: „Euer Lehrlingsgehalt dient der Anschaffung von Kochbüchern und Fachliteratur und die Mittagspause ist dazu da, diese zu studieren!

Fordern und Fördern, das war Bouleys Prinzip. Als er herausfand, dass wir in der Berufsschule unangenehm aufgefallen waren, weil wir keinen Schimmer von klassisch deutscher Küche hatten und bei diesem Thema weit hinter den Leistungen der Lehrlingskollegen aus den umliegenden Landgasthöfen zurück blieben, bestellte er extra Ware für das Personalessen, ein Plan und Rezepte wurden ausgearbeitet und wir Lehrlinge kochten uns monatelang mit Rouladen, Labskaus, Schweinebraten, Grüner Sauce und, und, und… einmal quer durch die Deutsche Küche.

Wir durften in unserer Mittagspause, sämtlich Produkte aus den Schränken und Kühlhäusern zerren, für hunderte von Mark mixen und kneten. Abends betrat Monsieur das Schlachtfeld, baute sich am Pass auf und verkostete unsere kulinarischen „Geistesblitze“. Desaströs, eine Geldvernichtungsmaschine, ihm war es aber wichtig unsere Kreativität zu fördern und manche Kreation schaffte es auch auf die abendliche Karte. Ein Adelsschlag.

Als er herausfand, dass wir Lehrlinge zwar dem Alkohol zusprachen, aber rein gar nichts von Wein verstanden, lud Monsieur in der Mittagspause zum Weinseminar mit seiner Frau, Brigitte Bouley. Das Angebot zu Beginn des Kurses war so groß wie beschämend für uns: jeder dürfe sich jetzt eine Flasche seiner Wahl aus dem Weinkeller holen und mit nachhause nehmen. Wir hätten jetzt die Wahl unter Bouteillen zu mehrere tausend Mark, erklärte Monsieur – nur leider wussten wir Lehrlinge nicht welche Flaschen das genau gewesen wären. Wir begannen uns für Wein zu interessieren.

Ich verdanke Albert Bouley sehr viel, er gab mir das Rüstzeug für meinen Lebensweg und stellte in vieler Hinsicht die Weichen, auch als ich längst schon aufgehört hatte, in der Gastronomie zu kochen. Immer wieder findet sich seine kulinarische Geisteshaltung in meinen Bücher und Texten. Monsieur prägte nicht nur mein Verständnis von Kulinarik, er lehrte uns Lehrlingen neben dem Kochen, auch Dinge wie Ausdauer, Gastfreundschaft und Disziplin, er zeigte uns, dass es Spaß macht Leistung zu bringen, das hatten wir in der Schule nicht gelernt. Und er lehrte uns früh auch Respekt: Respekt vor den Produkten, vor der Natur, den Menschen.

Die Zahl derer, die sich vor Albert Bouley verneigen ist groß, der Meister inspirierte eine ganze Generation von Köchen. So gab beispielsweise Tim Raue, der heute zu den innovativsten Köchen unseres Landes gehört, schon 2009 im Magazin der Süddeutschen Zeitung zu Protokoll, dass Albert Bouleys euroasiatische Küche ihn inspirierte.Und der großartige Juan Amador, der schon viele Jahre die Hochküche des Landes (buchstäblich auch molekular) durcheinander zu wirbeln weiß, widmet sein neues Restaurant-Projekt dem Meister, anlässlich Albert Bouleys Tod schrieb er diese Woche auf Facebook:„…Dieses Projekt werde ich Albert Bouley widmen, der leider zu früh von uns gegangen ist, und dem ich einen Großteil meiner Karriere zu verdanken habe! Er war derjenige der die asiatische Küchenkultur nach Deutschland gebracht hat, und wir werden sie im “SRA BUA by juan amador” ihm zu Ehren weiterführen.

Albert Bouley war keiner, der sich vor Kameras und einer großen Öffentlichkeit profilieren musste, sein Platz war immer und wirklich jeden Tag in der Küche. Das Wagnis, dabei zwischen der wachsenden Zahl von kochenden Marktschreiern ein wenig in Vergessenheit zu geraten, ging er ein. Albert Bouley kochte für seine Gäste. Jeden Tag, ein viel zu kurzes Leben lang.

Weiterführende Links:

wikipedia/Albert Bouley

Meldung der Schwäbischen Zeitung zum Tode Albert Bouleys

Traueranzeigen in der Schwäbischen Zeitung

“Ein Stern genügt mir”, Interview-Artikel mit Albert Bouley zum Tod von Bernard Loiseau, Schwäbische Zeitung, 2003

Die “Kreativitätsmaschine” wird 60, Artikel Anlässlich Albert Bouleys 60sten Geburtstag, Südkurier, September 2009

Lehrlings-Kollege Andreas Kloos zum Tod von Albert Bouley

Bis gleich!

Posted on | April 18, 2013 | 2 Comments

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