Probiert: Trattoria-Pizzeria Pesco Mare, Hamburg

Posted on | April 27, 2008 | 4 Comments

Sollte man nicht eigentlich gewarnt sein, wenn sich in der Fensterauslage eines italienischen Restaurants wachstropfige Kerzen mit Nudelpackungen aus dem Supermarkt und angedorrten Blumen balgen? Nein sollte man nicht, ein bisschen folkloristischer Kitsch lässt gerne mal auf authentische Küche hoffen. Im Pesco Mare am Eppendorfer Weg sind die Tische dann auch folgerichtig mit rot-weiß karierten Tischendecken unter Papier eingedeckt, inklusive einer leicht eingestaubten Schmuck-Weinflasche.

Der Service ist freundlich und schnell, zur Speisekarte werden knusprig-heiße, hauchdünne Pizza-Ecken mit Parmesan und Rauke serviert. Ich wähle ein Rinder-Carpaccio vorweg. Das vermeintlich schlichte Gericht birgt zahlreiche Gefahren, hier kann ein Koch vieles falsch oder richtig machen: die Fleischqualität spielt eine Rolle, Serviertemperatur, Qualität des verwendeten Parmesans, Menge an Rauke, schon gewürzt oder muss der Gast selbst kochen, wird Zitrone verwand oder Balsamessig, gutes Olivenöl und wenn ja wie viel, staubiger Pfeffer oder frisches Mahlwerk. Im schlichten Gericht zeigt sich wahre Meisterschaft, am Carpaccio sollt ihr den Koch erkennen. Sein Erfinder, Guiseppe Cipriani der das ursprünglich diätische Rezept nach dem Renaissancemaler Vittore Carpaccio benannte und erstmals 1950 in Harrys New York Bar in Venedig servierte, hätte im Pesco Mare wahrscheinlich geweint. Von der Säure bereits ergrautes Rind schwimmt in einem Bad aus purem Zitronensaft. Sauerfleisch einmal anders. Zur Linderung kippe ich Olivenöl darüber, das Gericht ist aber nicht mehr zu retten.

Richtig sauer wird es aber erst beim Hauptgang. Kabeljau steht auf der Karte, Kabeljau steht auch auf der Liste der extrem überfischten Fischarten, Kabeljau dürfte es momentan auf der Karte denkender Wirte einfach nicht geben. Jetzt ist der Fisch aber schon im Haus und ich schlage zu. Tomatensauce ist angedroht, ich verziehe das Gesicht, der freundliche Ober empfiehlt von sich aus eine Weißwein-Zwiebelsauce mit Kirschtomaten, kein Problem, versichert er. Toll!

Aber: Sauce sauer, sehr sauer. Zitrone und Weißwein leisten gemeinsam ganze Arbeit. Die Kosten für die unkalkulierbaren Menge verbrauchter Zitronen im Pesco Mare müssen beachtlich sein. Die von sich aus schon einfache Pizza Magerita der Liebsten schmeckt neutral, Teig, Käse und Tomaten sind ohne geschmackliche Eigenschaften. Zusammen mit einem Bier, einem Apfelsaftschorle, einem Pinot Grigio, einem Cynar und einem Espresso kommen wir dafür auch mal eben auf 50 Euro und es kommt mir in den Sinn, was ich in Bezug auf Essen in Restaurants selten denke: schade ums Geld.

Pesco Mare – Trattoria-Pizzeria
Eppendorfer Weg 102, 20259 Hamburg
täglich 11-24h
Tel: +49 40 55 77 58 78

Comments

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4 Responses to “Probiert: Trattoria-Pizzeria Pesco Mare, Hamburg”

  1. Thomas
    April 28th, 2008 @ 09:04

    Der Kabeljau, jaja. Ich esse auch immer mal Wal-Steak. Wenn es denn schon mal da ist. Und wegen meines Steaks werden die doch wohl nicht gleich den ganzen Wal fangen?
    Abgesehen davon kann ich das alles nachvollziehen: Es ist schade ums Geld.

  2. Herr Paulsen
    April 28th, 2008 @ 17:50

    Da haben Sie recht, konsequentes Nichtbestellen wäre hilfreich, ich arbeite dran. Wie schmeckt eigentlich Wal-Steak, Thomas?

  3. fressack
    April 28th, 2008 @ 21:08

    Wahrscheinlich eisbärähnlich.

  4. Thomas
    April 29th, 2008 @ 06:56

    Ich habe, um der Anschaulichkeit willen, etwas übertrieben. Ich esse kein Walfleisch. Ich fahre nicht einmal in Länder, in denen Walfang betrieben wird. Ich bekenne mich aber hier schuldig: Meeres-Schildköte (auf den Cayman-Inseln, ich dachte, die Schildkröten wären gezüchtet). Schmeckt wie eine Mischung aus Fisch und Huhn und ist irgendwie faserig. Passiert mir auch nicht nochmal.

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