Probiert: Vienna, Hamburg

Posted on | Juli 24, 2008 | 4 Comments

Wir gehen ja seit Jahren regelmäßig im Vienna essen. Hahaha, war nur Spaß.

Oft genug reisten wir umsonst an, im Vienna kann man nicht reservieren, romantischer Liberalismus, das Restaurant ohne Schranken. Nur leider ist das Vienna jeden Abend voll, der Besuch für den hungrigen Genießer ein unkalkulierbares Risiko. Ungezählt die Abende, die am Schnellimbiss endeten, weil mal wieder nix mehr ging im Vienna und wir natürlich nicht zur Sicherheit noch woanders reserviert hatten. Im Grunde gilt: nach 19 Uhr ist erstmal dicht.

Warum nimmt also überhaupt jemand das Wagnis Vienna auf sich, betrinkt sich gar auf nüchternen Magen im überfüllten Vorraum, auf einen frei werdenden „Tisch so gegen 22 Uhr“ hoffend? Es sind nicht die Tischnachbarn, denen man im eng bestuhlten Miniraum zwangsläufig auf dem Schoß sitzt, es ist die Küche. Weil im Vienna gut gekocht wird und das zu einem oftmals sensationellem Preis-Leistungsverhältnis. Gerade die Vorspeisen und Desserts sind oft schon ab 6 Euro zu bekommen, das Wiener Schnitzel ist legendär, die hausgemachten Würste ein Kracher, oft gibt es selten gewordene Innereien-Rezepte auf der Karte.

Da wir so selten einen Tisch bekommen, können wir die Küchenleistung im laufenden Jahr nur schwerlich bewerten, wir nehmen also zu Gunsten der Küche an, dass es sich bei unserem gestrigen Besuch um einen einmaligen Tiefpunkt der Küchenbrigade gehandelt hat. Der aber hatte es in sich:
Meine gebratenen Calamares waren nicht geputzt, innen Glibberreste, außen die rosa-schwarze Haut, die sich um die Zähne wickelt. Dazu vier Kirschtomaten an der Rispe und ein Teelöffelchen Bohnen, ein fettgetränkter Knusperbrotstreifen und ein riesiger Pflatsch alles überdeckendes Pesto. Entsetzlich. Mir gegenüber rang die Liebste nach Luft. Der mäßig belegte Pastrami-Sandwich bestand aus feuerscharfen Brotscheiben in die ganze grüne Pfefferkörner eingebacken sind, der Liebsten tränten die Augen, das war eigentlich nicht essbar.

Hauptgang Kaninchenrücken mit hausgemachter Bratwurst auf Pfifferlingsrisotto. Die Bratwurst ganz toll, locker, saftig. Die Pfifferlinge auf den Punkt, knackig. Da macht es nichts, dass der Kaninchenrücken trocken gebraten wurde. Was aber sehr nervt, ist das Risotto. Achtung jetzt kommt wieder die Risotto-Diskussion. Also. Es gibt zwei perfekt Garzeiten für Risotto: die Garzeit die der Koch für die Richtig hält und jene die der Gast bevorzugt. Einigkeit herrscht selten, darum behaute ich jetzt einfach mal: der Reis war noch hart gestern (“mit Biss”, “gehört so”, würde die Küche sagen). Der harte Reis erweichte sich leider auch nicht im leckeren Saucen-See aus dem ich alles Genießbare herausfischte.

Und dann das Dessert. Gratinierte Himbeeren mit Vanilleeis. Vor unserem inneren Auge imaginieren wir ein flaches Gefäß in dem sich eine heiße, goldbraune, fluffige Gratinmasse leicht aufplustert, überall schauen liebliche Spitzen von frischen Himbeeren heraus, in der Mitte zartschmelzendes, elfenbeinfarbenes Vanilleeis, ein feiner Schnee aus Puderzucker fällt. Hätten wir nur weiter geträumt. Es kommt ein überdimensionales, tiefes Pillivuyt-Förmchen in dem eine Kugel Vanilleeis gegen den Ertrinkungstod kämpft. Die milchhautdünne oberste Schicht abgeschöpft findet sich darunter flüssige, eiskalte Crem-Masse mit vereinzelten Himbeeren. Da aber eine Gratinmasse klassisch mit Ei zubereitet wird, bekomme ich es mit der Angst zu tun, ich bin Salmonellenphobiker und nicht bereit ungegartes Ei zu mir zu nehmen. Jetzt kommt was ich hasse, ich muss den Service rufen. Mich umständlich erklären. Mich ungläubig anstarren lassen. Es nervt.

Die Küche war stets das Argument für einen Besuch im Vienna, dafür nahm man Wartezeiten, Doppeltbelegungen, die irrsinnige Nicht-Reservierungspolitik und einen Abend am Schnellimbiss in Kauf. Wenn jetzt die Küchenleistung einbricht gibt es im Grunde keinen Grund mehr, den Zirkus mitzumachen. Ich kann mir das aber nicht vorstellen, vielleicht war wirklich nur an diesem Abend „der Wurm drin“. Wenn das Vienna irgendwann mal reservierbar wird, oder wir irgendwann mal wieder viel Geduld und Zeit haben, werden wir das noch mal ausprobieren.

Restaurant Vienna
Fettstr. 2
20357 Hamburg

Comments

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4 Responses to “Probiert: Vienna, Hamburg”

  1. thomas
    Juli 25th, 2008 @ 11:22

    Beileid für den etwas misslungenen Restaurantbesuch auch wenn ich den Laden nicht kenne.
    Aber “ich bin Salmonellenphobiker und nicht bereit ungegartes Ei zu mir zu nehmen.”
    Nie nicht? Nicht mal in Mayonaise? Oder nur außerhäusig nicht?
    Man muss ja nicht gleich Rocky spielen…

  2. Herr Paulsen
    Juli 25th, 2008 @ 17:51

    Ich bin da wirklich sehr sensibel, rohes Ei nur in der eigenen Küche und da auch nur im Notfall:-)

  3. lamiacucina
    Juli 26th, 2008 @ 05:29

    wenn ein Laden permanent ausgebucht und die Tische mehrfach belegt sind, dann lässt die Küche früher oder später nach. Das ist ein Naturgesetz. Bis die Besucher das merken, können Monate oder Jahre vergehen. Das ist auch ein Naturgesetz.

  4. Herr Paulsen
    Juli 26th, 2008 @ 14:07

    Grausam, die Rache der Natur!

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