Schöner Irrtum Kräuterlikör – Von falschen Gesundheitsaposteln, jungen Hasen und dem Flugbenzin der Brockenhexe

Posted on | April 30, 2009 | 17 Comments

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Es scheint, insbesondere in den männlichen Genen, der Wunsch fest verankert nach einem Niederdrücker, Absacker, einem Verteiler, im Anschluss an kulinarische Völlerei. Reflexartig wird das Servicepersonal am Ende eines Restaurantbesuches nochmals an den Tisch gewunken, jetzt ein Verdauungsschnaps, die hochgeistige Absolution für verspeiste Sünden. Genießer bestellen Grappa oder einen edlen Obstbrand und immer häufiger wird auch Kräuterlikör geordert, dann immer mit dem Hinweis des Bestellers, wie gesund und verdauungsfördernd Letzterer doch sei. Abgesehen von der Tatsache, dass ich bei Tisch nichts über Verdauung hören möchte, ist diese Wirkung zumindest umstritten.

Kräuterlikör ist hochprozentiger Alkohol (15-40 % Vol) mit einer erstaunlichen Menge Zucker (mindestens 100 g pro Liter) und diversen Kräutern, je nach Sorte alles was in der Natur wächst und einen nicht umbringt. Schon im Mittelalter versuchten wackere Pharmazeuten, Heilkräuter durch Alkohol haltbar und durch Süßung genießbar zu machen. Die gesunden Kräuterextrakte im Schnapsstamperl vermögen aber im Magen nicht viel auszurichten, gegen ein Drei-Gänge-Menü mit korrespondierenden Weinen. Vielmehr tut der Likör, was eine Zucker-Alkohol-Mischung immer tut: sie steigt zu Kopf. Dort blockiert sie, schändlicher Weise, genau die Nerven, die eigentlich gerade dafür sorgen sollten, dass die Nahrung verdaut wird.

Ich rate trotzdem, diesen schönen Selbstbetrug zu hegen und zu pflegen, denn Kräuterliköre schmecken. Gerade durch die unterschiedliche und vielfältige Kombination von Kräuter und Gewürzpflanzen, entfalten manche diese Gebräue ein einzigartiges Geschmacksvolumen. Würzige Lakritznoten, feiner Fenchel, Minze, Holunderblüten, Orange, Sternanis, pfeffrige Noten und bittere Töne balgen um Aufmerksamkeit, erfreuen Nase und Gaumen.
Es gibt viel zu entdecken, sogar direkt vor Ihrer Haustür. Im deutschsprachigen Raum tragen die Kräuterliköre mit regionalem Charakter oft wenig Verkaufsfördernde Bezeichnungen wie Bärwurz, Blutwurz, Burgfeuer oder Brockenhexen Flugbenzin. Zu Gunsten der Namensgebenden Braumeister nehme ich einfach mal an, diese freundlichen Menschen wollen mit diesen phantasievollen Titeln darauf hinweisen, dass ihr Produkt am besten in homöopathischen Dosen zu genießen sei.

Eine Einschätzung, die ich, nach wenigen Selbstversuchen, unbedingt teile. Ich erinnere mich mit Grausen an eine Nacht in den frühen 90iger Jahren, ich war noch ein ganz junger Hase und teilte mir mit zwei anderen jungen Hasen eine Flasche Kräuterlikör mit der harmlosen Aufschrift Menta. Der Erfolg war durchschlagend und stellte meine oben angeführten Bedenken, bezüglich der Verdauungsförderung, stark in Frage. Seitdem bedaure ich aufrichtig Teile der heutigen Jugend, die sich, so hört man, grundsätzlich und nächtelang, ausschließlich mit Deutschen Kräuterlikören abschießt. Ich habe großes Mitleid. Was ist das denn bitte für eine Nacht: zwei Stunden Disko, dann vier Stunden Klo und am nächsten Tag drückt schmerzhaft das Geweih oder man erwacht als Kümmerling im selbst gelegten Kleinstflaschenkreis.

Gereifte Geister finden auch außerhalb Deutschlands wunderbare Kräuterliköre, selbst die großindustriell gebrauten Erzeugnisse überzeugen meist. Aus Italien kommt einer meiner Lieblingsliköre, der „Fernet Branca“, der über ein Jahr in Eichenfässern reift (mittlerweile habe ich den Produzenten auch ihr Zweitprodukt „Fernet Menta“ verziehen). Die weit verbreiteten italienischen Kollegen „Averna“ und „Ramazzotti“ sind traditionsreiche, wohlschmeckende Marken. Allesamt teilen sie aber das Schicksal der gepanschten Darreichungsform. Gerne werden sie über Eiswürfelberge geschüttet oder mit labberigen Zitronenschnitzen „aufgefrischt“, dabei verlieren sie Geschmack und Charakter. Bestellen Sie ihren Kräuterlikör ohne alles, den mitleidig-erstaunten Blick des Kellners müssen Sie einfach mal ertragen. Auch vor den verzweifelten Versuchen der Produzenten selbst, ihre Kräuterliköre mühsam in Cocktailrezepte zu pressen, ist zu warnen. Was da mit sanfter Gewalt zusammengerührt wird, ist bestenfalls ein Verkaufsargument für furchtlose, junge Hasen, aber kein Drink.

Für Genießer mit Maß, für Puristen und Neugierige eröffnet ein guter Kräuterlikör Geschmackswelten. Den Gesundheitsaposteln und Verdauungsbesorgten überlassen wir den Kräutertee, gerne auch mit Eis und Zitrone. Wohlsein!

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17 Responses to “Schöner Irrtum Kräuterlikör – Von falschen Gesundheitsaposteln, jungen Hasen und dem Flugbenzin der Brockenhexe”

  1. 22andabeer
    April 30th, 2009 @ 07:19

    Dein Timing ist mal wieder nicht zu toppen. Pünktlich zur anstehenden Walpurgisnacht ein Bericht über Kräuterlikör und Flugbenzin. Chapeau!

  2. worange
    Mai 1st, 2009 @ 09:07

    Haben Sie mal Appenzeller probiert? Da geht’s richtig rund mit den Kräutern und Gewürzen, das würde Ihnen bestimmt schmecken!

  3. jamie
    Mai 1st, 2009 @ 16:39

    Ich schwöre hinsichtlich der wundervollen Kräuteraromen auf den spanischen Hierbas. Schön, wenn man jenseits der üblichen Quellen jemanden hat, der selbigen nach – selbstredend geheimem – Familienrezept herstellt.

    [Haben Sie auch gesehen/aufgefunden, daß die findige Harzer Urbevölkerung sich sogar traut einen Whisky herzustellen - mit dem lustigen Namen 'Glen Els'?]

  4. multikulinaria
    Mai 2nd, 2009 @ 17:20

    Deine Artikel ist mal wieder besser als jede Form von Alkohol… hebt die Stimmung, ohne dass einem danach Kopf oder sonst ein Körperteil weh tut. Köstlich!

    Habe gestern auch Kräuterschnaps beim Dorfschwoof-Firmenjubiläum verkostet (ohne Eis und Deko). Gar nicht übel!

  5. Helga
    Mai 4th, 2009 @ 07:10

    dann werf ich doch auch noch eine Empfehlung in die Runde: Hierbas, aber nicht der mallorcinische sondern der aus Ibiza…

    ansonsten gestehe ich: ich trinke auf Eis (wenig), aber ohne Zitrone.

  6. Silke
    Mai 4th, 2009 @ 09:23

    Lieber Herr Paulsen,
    guter Artikel, dennoch habe ich was zu meckern: Bärwurz und Blutwurz sind Pflanzen, deshalb liegt die Vermutung nahe, dass Auszüge aus eben diesen Pflanzen Hauptbestandteil des jeweiligen Likörs sind und der Name des Produkts eben nicht der Phantasie des “Braumeisters” entspringen.

  7. stilhäschen
    Mai 4th, 2009 @ 11:39

    Aaaah, diese gebrochene Lanze hätte ich hier nicht erwartet. Ich lege noch einen drauf: “Centerba” aus Italien, über 60 Umdrehungen, nach einem Schluck hatte ich das Gefühl, das Zeug hätte sich direkt durch den Knick der Speiseröhre gefressen und liefe jetzt außen die Wirbelsäule entlang. Reine Medizin also, läuft dann kaum mehr unter Likör. Aber Kräuter!
    Und dann muß ich natürlich noch den Link zum passenden Video loswerden. “Das Geheimnis einer guten Küche ist die stete Qualitätskontrolle der verwendeten Zutaten.” Zitierverdächtig. Prost.

  8. Claus Thaler
    Mai 4th, 2009 @ 12:37

    Hier spricht der Dichter: Ob New York oder Föhr/ich trink Likör.

  9. Kim
    Mai 4th, 2009 @ 14:38

    Die Kultivierung des Kräuterlikörs ist jetzt aber auch wirklich fällig. Ich gestehe, der Averna kommt mit Eis und Zitrone ins Glas. Alle anderen nicht! Alle anderen stellen dann aber auch die Glaubensfrage: gekühlt oder zimmerwärmentemperiert? Diese Frage beschäftigt mich tatsächlich schon länger. . Wie halten es Herr Paulsen und sein Publikum?

  10. Herr Paulsen
    Mai 4th, 2009 @ 16:44

    22andabeer, ich hab doch nur das Rezept für die Maibowle nicht gefunden!

    Worange, klingt gut, wird ausprobiert. Ein Stück Käse aus der Gegend dazu?

    Jamie, auf den Harzer Whisky spekuliere ich schon lang, einige deutsche Whisky wurden mal im Feinschmecker vorgestellt, da war der,glaube ich, auch dabei, leider ist die Ausgabe verschütt.

    Peggy, danke fürs Kompliment, freut mich!

    Helga, Hierbas hab ich vergessen, wie konnte ich nur! Ich kenne allerdings nur den Malloquinischen. Wie ist den der aus Ibiza im Vergleich beschaffen?

    Silke, da haben Sie absolut Recht, mein Fehler, danke für den Hinweis, ich geh gleich mal nachsitzen, bzw. nachgoogeln

    Stilhäschen, danke, danke, danke, Freund Strübing ist der Beste! Der Centerba kommt auf die was Männer tun müssen-Liste!

    Claus Thaler, ich schwör.

    Kim, gute Frage, für mich dürfen die oben Genannten leicht gekühlt sein, nur Eiswürfel verwässern den Genuss.

  11. Helga
    Mai 5th, 2009 @ 07:10

    Der aus Ibiza ist etwas herber und kräutiger.

  12. Herr Paulsen
    Mai 5th, 2009 @ 09:43

    Klingt klasse, vielen Dank!

  13. Bernd
    Mai 7th, 2009 @ 09:34

    Hallo Herr Paulsen,
    Schön, dass sich endlich mal jemand über Kräuterliköre hermacht. Italien, schön.
    Aber was ist mit Frankreich?
    Ich empfehle “Chartreuse vert” , in meiner Familie “Schaufelmännchen” genannt, weil er den Magen so schön aufräumt. Und er schmeckt so gut. Kein Schütteln, keine Gänsehaut nach dem Trinken.
    Es gibt nur ein Problem—-man bekommt wieder Hunger, wenn man ihn getrunken hat. Wirklich. Und 55 Vol % sind auch nicht ohne.
    Es gibt allerdings Beschaffungsprobleme, die meisten Restaurants führen ihn ( aus Unkenntiss über seine Wirkung?) nicht.
    Also Fläschchen kaufen, wird bestimmt nicht alt

  14. Herr Paulsen
    Mai 9th, 2009 @ 08:48

    Chartreuse vert habe ich tatsächlich noch nie getrunken, eine schöne Anregung!

  15. JanaI
    Mai 26th, 2009 @ 16:33

    Ich schätze Becherovka sehr, stehen gerade zwei Flaschen aus der letzten Reise nach Tschechien im Schrank.

  16. Herr Paulsen
    Mai 27th, 2009 @ 07:28

    An Becherovka, Janal, habe ich auch eine, allerdings sehr vernebelte Erinnerung!

  17. JanaI
    Mai 27th, 2009 @ 09:39

    Das kann natürlich passieren!

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