Und das nach all den Jahren: Restaurant Eisenstein, Hamburg

Posted on | Mai 17, 2009 | 4 Comments

Nur böse Zungen behaupten, der Hamburger habe ein eher dörflich geprägtes Heimatgefühl und verlasse seinen abgestammten Stadtteil nur ungern und unter großem Wehklagen. Das die Liebste und ich beide nicht aus Hamburg sind, dachten wir nur kurz über Wegzehrung und Wechselwäsche nach, bevor wir uns auf die weiter Reise von Eimsbüttel nach Ottensen ins „Eisenstein“ aufmachten. 2005 hatte ich das Restaurant letztmals besucht und besprochen, schon damals schrieb ich vom „Restaurant-Klassiker“, vom „Dinosaurier“, vier Jahre und eine gastronomische Ewigkeit später stehen wir wieder vor den hohen Halle der ehemaligen Schiffschraubenfabrik Theodor Zeise und hoffen auf Einlass.

Drinnen ist es rappelvoll und auch das beheizte Zelt vor dem Restaurant ist, bis auf zwei Plätze, belegt. Hier muss dem Ortsunkundigen zum besseren Verständnis eine weitere Hamburgensie erklärt werden: der Hamburger ist von einer tiefen Sehnsucht nach südländischem Lebensgefühl durchdrungen und isst darum gerne draußen. Bis kurz vor Weihnachten und spätestens wieder ab dem 2. Januar nimmt der Hamburger seinen Kaffee, kleinere Speisen und größere Menüs an der frischen Luft zu sich und lässt sich dabei auch von kleinerer Regenschauern nicht stören. Hilfsmittel wie Wolldecken aus Armeebeständen bieten Caféhaus- und Restaurantbesitzer noch bis tief in den März hinein an. Auch mit milchigen Plastikplanen verkleidete Eingangsbereiche gelten dem Hanseaten als Außenterrasse, der Heizpilz glüht o sole mio!

Das die Liebste und ich beide nicht aus Hamburg sind, lehnen wir die offerierten Terrassenplätze ab und begeben uns in die Warteschleife an der Bar. Optisch hat sich nichts verändert, warm illuminiert sind die meterhohen Ziegelwände und imposanten Säulen, die metallverstrebten Fenster, das Bar-Oval in der Mitte, zu dem es die weiß gedeckten Tische zu drängen scheint, die schwarz gekleidete Servicecrew schleppt große Pizzen vom Steinofen und á la carte-Gerichte aus der Küche heran.

Für die Pizzen ist man hier berühmt, insbesondere für „Helsinki“ mit Gravedlachs und Créme Fraîche (11,90 €) für die sich die Liebste entscheidet. Ich nehme, wer weiß wann ich mal wieder hier sein werde, ein Viergangmenü, das ich mir zum Preis von 36,50 Euro aus der gesamten (!) Abendkarte selbst zusammenstellen kann. Toll!

Es ist 21:30 Uhr, High Noon in Küche und Service, darum warten wir auf alles etwas länger, auf den Wein (offener französischer Rosé, der halbe Liter für 12,70 €), auf das Wasser, auf den Beginn des Essens. Macht aber nichts, als wir an der Reihe sind wird das Menü in regelmäßiger Zügigkeit mit angenehmen Pausen zwischen den Gängen serviert.

Auftakt: gebratene Jacobsmuscheln unter einer knusprigen Bröselkruste auf grünen, dicken Bohnenkernen mit Pancetta, Krebsschwänzen, schaumiger Weißweinsauce und würziger Jus. Meisterhaft und derart perfekt zubereitet, dass ich schon ein bisschen euphorisch werde. Dann kommt leider die „Bouillabaise“. So was verstehe ich nicht und schon gar nicht nach einem so grandiosem ersten Gang: in einer säuerlich-muffigen, an erwärmtes Bier erinnernden Brühe schwimmen ein paar Passepierre-Algen und Stücke von Fischen die allesamt umsonst gestorben sind, Rotbarbe, Rochen, Garnelen. Die unlesbare Brühe überdeckt jeden Eigengeschmack der edlen Meeresbewohner, verrät dabei nichts von ihrem Rezept, ich bin ratlos bis erschüttert.

Der Hauptgang kommt dann wieder aus der Küche, die schon mit der Vorspeise überzeugte: perfekt gebraten, saftig rosa das Filet vom Maibock auf gegrillten Rote Bete Scheiben, mit grobem Pfeffer gewürzt auf einer aromatischen dunklen Sauce, dazu ein rund ausgestochenes Kartoffel-Pilzgratin auf dem eine Nocke feines Kartoffelpüree thront, getoppt mit einer Scheibe knusprigem Speck. Wunderbar, die unterschiedlichen Konsistenzen und Würzungen der beiden Kartoffelzubereitungen in Kombination sind für sich schon ein Höhepunkt. Die Sensation birgt aber ein Bonbon aus knsuprigem Filo-Teig, darin ein würzig geschmortes Ragout vom Maibock. Große Klasse!

Die Pizza der Liebsten schmeckt und ist üppigst mit Graved Lachs belegt, hier empfiehlt sich das Eisenstein auch in der kleinen Form für einen Besuch. Zum Dessert bestellt sich die Liebste eine Sorbet-Triologie, für 6,60 € gibt es ein köstliches Mangosorbet auf Mangoragout, ein cremiges Schokoladensorbet auf Maracujasauce und ein herbes Zitronensorbet auf Orangensalat. Chapeau! Nicht so überzeugend ist meine „Überraschung“ von Holunder, Erdbeere und Wodka. In einem imposanten Whisky-Glas schwimmen Erdbeeren in reichlich Wodka unter einer sahnigen Vanille-Decke. Den Holunder finde ich nicht, dafür setzt mir der Wodka ordentlich zu, ein Effekt, den ich bei Süßspeisen nicht haben möchte.

Insgesamt war das aber ein gelungener Abend, mit zwei absoluten Meisterleistungen die alleine schon den Menüpreis wert gewesen wären. Die verunglückte Fischsuppe und mein schwacher Nachtisch sorgten letztendlich für ein gutes Unentschieden, die Küchenmannschaft hat aber ganz klar das Zeug zu Pokalsieg und Meistertitel. Zu Loben ist ebenfalls der freundliche und ungekünstelte Service der auch im Hochbetrieb aufmerksam bleibt. Diesmal werden wir nicht wieder vier Jahre warten, sondern unsere Stadteilgrenze öfter Richtung Ottensen überqueren.

www.restaurant-eisenstein.de/

Restaurant Eisenstein
Friedensallee 9
22765 Hamburg
040 3904606

Comments

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4 Responses to “Und das nach all den Jahren: Restaurant Eisenstein, Hamburg”

  1. Helga
    Mai 18th, 2009 @ 08:55

    Und da sagt man immer, dass zwischen Hamburg und München Welten lägen – sie sind doch gar nicht so verschieden: die Sache mit den Stadtteilen (hier: rechts und links der Isar) und dem Draußensitzen kann ich nur unterschreiben. Nur die Heizpilze, die sind hier weitgehend verboten (rot-grüne Stadtregierung…)

  2. Herr Paulsen
    Mai 18th, 2009 @ 16:22

    Aha, dann mag es am Ende eine gesamtdeutsche Angelegenheit sein, das mit den Frischluft-Kulinarikern!

  3. Aquii
    Mai 19th, 2009 @ 18:10

    oh, ich musste lange überlegen, wann ich das erste Mal im Eisenstein war. Nach reichlichem Entstauben der wirklich allerletzten Hirnwindungen war es 1988, also mehr als 20 Jahre her…. erstaunlich.

  4. Herr Paulsen
    Mai 20th, 2009 @ 06:16

    Ja, wie die Zeit vergeht! Ich merke das oft daran (und erschrecke immer sehr) wie lange manche Bands schon unterwegs sind, z.B. The Cure seit Ende der 70er und Depeche Mode machen das jetzt auch schon knapp 30 Jahre!

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