Spontaner Gottesbeweis im La Bottega Italiana, Bremen

Posted on | Juni 24, 2009 | 9 Comments

BILD0012

„Schon mal was zu trinken?“
„Ja, ich hätte gerne einen schönen Weißwein.“
„Den Milden oder was Kräftiges?“
„Oh, da würde ich dann doch gerne in die Karte sehen!“
„Sie waren noch nicht bei uns, oder?“
„Nein.“
„Wir haben nämlich keine Karte.“

So beginnen perfekte Abende oder legendäre Reinfälle. Ich bin jedenfalls schon mal richtig gespannt und bestelle „den Milden“ (5 Euro). In Ermangelung einer Karte erzählt mir die junge Frau vom Service was es so gibt heute Abend und es gibt viel und alles klingt verführerisch. Kein Restaurant also, dass sich die künstliche Verknappung als Entschuldigung für bescheidene Einkäufe zueigen gemacht hat. Und ich bin angenehm überrascht dass man mir, Alleinesser auf Montage, zügig und unbürokratisch den letzten freien Vierer-Tisch gibt und mit neuer, blütenweißer Stofftischdecke bezieht.

Ich kann mich kaum entscheiden, wähle Lachs-Carpaccio, gebratene Jacobsmuscheln und Bolitto vom Kalb, die freundliche Servicekraft zögert kurz, schüttelt dann den Kopf und sagt: „sie schaffen das!“ Bis das Carpaccio kommt überlege ich, ob das jetzt ein Kompliment war oder die diplomatisch verpackte Aufforderung mein Lauftraining noch härter zu gestalten. Zu düsteren Gedanken dieser Art schmeckt der „Milde“ sehr gut, ein passabler Hauswein. Zwei Scheiben Baguette werden dazu serviert und ein ganzes Glas köstliches Oliven-Gemüse-Gehäcksel. Das Missverhältnis zwischen Brot und Aufstrich stört nicht weiter, die grüne Tapenade schmeckt auch ohne Brot.

Das Carpaccio (11 Euro) ist von einer dieser hausgemachten, rohen Fischrouladen, die in Klarsichtfolie gewickelt, eingefroren, bei Bedarf portionsweise mit der Aufschnittmaschine hauchdünn gehobelt werden und auf dem Weg zum Gast auftauen. Das ist nicht verwerflich und sofern der Tiefkühler funktioniert und der Absatz stimmt, ist dies eine durchaus geeignete Methode, frischen Fisch roh auf den Teller zu bringen. Die haudünnen Lachspiralen, mit grasgrünem Basilikum-Pesto marmoriert, schmecken taufrisch und schwimmen in reichlich sehr gutem Olivenöl, zwei rohe Scheiben Fenchel sorgen für Biss, köstlich.

Der Chef, Signore Bramante, wuselt durchs schlichte Restaurant und erklärt an allen Tischen wortreich seine Weinauswahl, es braucht definitiv keine Karte, Signore Bramante ist in Hochform und die Korken fliegen! Einen Abstecher zur den Ruheräumen nutze ich für einer Restaurantbesichtigung, es herrscht Hochbetrieb in der offenen, sehr sauberen Küche im hinteren Teil des Restaurants, alle Plätze sind belegt auch die kleine Sommerterrasse, Teller mit imposanten Portionen gehen über den Küchenpass.

Auch meine Jacobsmuscheln (12 Euro) sind nicht zu knapp berechnet, vier dicke Muskeln auf Zitronengras gespießt, außen goldbraun gebraten, innen gerade eben heiß, perfekt. Der cremige Kartoffelstampf dazu ist goldrot angereichert mit reichlich pürierter Möhre, buttrig mit einem Hauch Weißwein abgeschmeckt. Alles macht Sinn. Sogar und auch die unvermuteten Zitronengrashalme und der reduzierte Balsamico am Tellerrand, der anderswo nur Deko-Tourette ist. Perfekt.

Ich bleib beim „Milden“ und staune über das Bollito (14 Euro). Zwei dicke, saftig geschmorte Scheiben Kalbsbrust in würzig-dunkler, ungebundener Jus unter einem Berg von weich geschmortem Staudensellerie und butterzarten Möhren, dazu ein Teller mit knackig gegarten, breiten grünen Bohnen, bissfestem Wirsing und ein paar geschmorten Tomaten, gewürzt mit Olivenöl und Salz und sonst nix. Spontaner Gottesbeweis!

Ich bin so hingerissen, dass ich, gegen meine Gewohnheit (und ganz sicher gegen mein Lauftraining) ein Dessert bestelle, fremde Zungen sprechen aus mir. Nach wenigen Minuten der Schock: ich habe tatsächlich Tiramisu bestellt (5 Euro). Seit den 70ger Jahren ist diese vormals redliche, italienische Süßspeise in deutschen Haushalten bis zur Unkenntlichkeit ruiniert worden: Hauptsache Löffelbisquit, brennbare Flüssigkeit drüber, ordentlich Mascarpone in die Fugen rein und final ein Kakao-pulvernes Deckmäntelchen ausgestreut. Schlimm.

Ist hier natürlich anders. Perfekt eben.

La Bottega Italiana
Familie Bramante
Fedelhören 102
28203 Bremen

Telefon 0421-32 13 84
Telefax 0421-32 13 84

Öffnungszeiten
Dienstag bis Samstag: 12.00 bis 14.30 Uhr und 18.00 bis 23.00 Uhr
Sonntag und Montag Ruhetag

Comments

Facebook comments:

9 Responses to “Spontaner Gottesbeweis im La Bottega Italiana, Bremen”

  1. Ellja
    Juni 24th, 2009 @ 07:41

    namnamnam…. beschreiben Sie mir doch bitte auch das Tiramsiu in Einzelheiten…. ich schwelge

  2. kormoranflug
    Juni 24th, 2009 @ 13:46

    das liest sich ganz toll, wenn ich mal in Bremen bin fliege ich vorbei.

  3. Linkdump | Treehuggin’ pussy
    Juni 25th, 2009 @ 08:43

    […] Paulsen folgt zum zweiten Mal unserer Empfehlung und geht in Bremen essen. Das erste Mal hatte ihm auch gefallen. Tweetback […]

  4. Lu
    Juni 26th, 2009 @ 07:48

    vielleicht sollte ich heute mittag -ganz gegen meine gewohnheit- auf dem rückweg hamburg->düsseldorf in bremen aussteigen. (hach!)

  5. Herr Paulsen
    Juni 26th, 2009 @ 08:41

    Eine ungewöhnliche Streckenführung:-)

  6. frau mutant
    Juni 26th, 2009 @ 21:46

    interessante sichtweise.

  7. Herr Paulsen
    Juni 27th, 2009 @ 07:26

    Und was ist Ihre Sichtweise? Wäre mal interessant, Sie sind doch aus Bremen Frau Mutant.

    Ich habe nämlich mittlerweile mit einem Bremer gesprochen der eher überrascht von meinen Eindrücken war (“ach, da kann man jetzt wieder hingehen?”) und mir von einer mehr als wechselvollen Geschichte der Restauration erzählte. Auch zeigte er sich besorgt, ob mein Erlebnis nicht vielleicht eine Ausnahme sei. Der Abend war allerdings so gut, dass kann kein Ausrutscher nach oben gewesen sein, das war bestes Handwerk.

  8. Valentinas
    Juni 28th, 2009 @ 19:32

    Ja! Ich bin absoluter Fan des Restaurants. Wann ich in Bremen bin – besonders gerne zu Werder-Bremen-Fussballspiele – schaue ich dort vorbei.

  9. frau mutant
    Juli 1st, 2009 @ 20:11

    ja, ich sehe das aehnlich, frueher war das mal sehr lecker und ein bisschen was anderes, dann ging es ne zeitlang garnicht, dann soll es besser geworden sein und daraufhin war ich dort, war aber nur so 50% angetan und preis/leistung war zumindest voll nicht ok.
    ich hatte zb das langweiligste stueck butt ever. der schmeckte nach nix ausser knoblauch, fand ich sehr enttaeuschend (ich bin bei fisch allerdings auch hyperkritisch, da ich nur max 1x im jahr welchen esse – das muss dann schon der hammer sein).
    da hatte ich auch eher nicht den wunsch, es nochmal zu versuchen, meine begleitung sah das aehnlich.

Leave a Reply





  • Nutriculinary bei:

  • Kategorien

  • Sternekocher rund 150 px
    Köstlich & Konsorten