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gutes Essen & große Küche

„Dem Wodka treu die ganze Nacht“ – richtig trinken wie die Russen

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„Du musst Dich vorbereiten, mein Freund!“, mahnte Alexej, als er mich zu seinem Geburtstag einlud, und empfahl ein „original russisches“ Wodka-Präventiv-Rezept „für lange Nacht voller Freude!“, welches ich genau befolgen sollte. Ich habe mir also drei Kartoffeln gekocht. Zwei rohe Eier in ein Glas geschlagen. Die Ölflasche bereitgestellt. Langsam kaue ich die gelben Knollen, schließe die Augen, würge den Ei-Glibber hinunter, spüle mit zwei Esslöffeln Öl nach. Derart gestärkt mache ich mich auf den Weg zur langen Nacht voller Freude. Mir ist ein bisschen schlecht.

An der Tür steht Sonja, eine hohlwangige Schönheit mit weizenblondem Haar. „Stjepan!“ ruft sie begeistert, und auch Andrej freut sich überschwänglich, zerdrückt mich beinahe, ich rülpse vor Schreck einen kleinen Eierwind. Ich brauche dringend was zu trinken. Es gibt aber nichts. Im Wohnzimmer der kleinen Einliegerwohnung ist ein Tapeziertisch aufgebaut, bedeckt mit verschieden gemusterten Plastiktischdecken. Drumherum sitzen: „ Iwan, Jurij, Andrej, Pjotr, Irina, Dunja, Nadja und Olga.“ Sie sitzen vor leeren Gläsern und ich weiß nicht, was mich mehr irritiert: dass alle Anwesenden Namen tragen, die mir beim Stichwort Russland als erstes einfielen oder dass die Gläser leer sind. „Stjepan!“ grüßen alle, ich winke freundlich zurück und nehme Platz auf dem mir zugewiesenen Klappstuhl.

Sonja und Alexej tragen große Platten und Schüsseln herein, Salzgurken, Heringssalat, Rote Bete in rosafarbener Mayonnaise, Eier mit schwarzperligem Kaviar, Brote mit schneeweißem Schweineschmalz, Zwiebeln, gekochte Kartoffeln, eingelegte Pilze. Applaus brandet aber erst auf, als Alexej mit einer eisig beschlagenen Flasche Stolichnaya, Hauptstadtwodka, in der Wohnzimmertür erscheint. Auf elf Gläser wird der Inhalt verteilt, Alexej begrüßt die Gäste nochmals, spricht von der Ehre, sein Haus gefüllt zu sehen mit den besten Menschen dieser Stadt, Nastrovje, Gläser hoch und weg damit. 40 % Alkohol weiten die Blutgefäße, eine wohlige Hitze breitet sich schlagartig in mir aus und ein ungekannter Hunger. Alle greifen ordentlich zu, aber nur kurz, Jurij macht die Runde mit der nächsten Flasche und spricht einen Toast auf die Sakuska-Tafel, jene Vorspeisenauswahl, die wir gerade einatmen. Er erwähnt Tschechow und zitiert: „dass ein Mann wissen muss, mit welchen Speisen man sein Getränk in den Magen schickt“ Er lobt die Köchin, Sonja errötet, Nastrovje, Gläser hoch und weg damit. Mir geht es prima.

Musik fliegt durch den Raum Pakava it spielen rasenden Russen-Ska, und nur ganz kurz wird die Anlage leiser gedreht, für die dritte Wodka-Runde und Pjotr, der einen Lobgesang auf die anwesenden Frauen hält, deren Schönheit alle Männer erblinden lasse! Gekicher, Nastrovje, Gläser hoch und weg damit. Die gefährlichen Schönheiten räumen den Tisch ab und schaffen Platz für den Hauptgang. Gowjadina, geschmorter Rinderbraten, wird serviert, dazu Buchweizengrütze mit Möhren und Zwiebeln. Dazu ein Glas Wodka. „Krepkaya“, der Starke, wird diese neue Sorte genannt, schmeckt wie der vorangegangene Wodka nach nichts und schlägt mit 56 % Alkohol sofort ein. Iwan spricht den Toast. Steht auf, führt das Glas zur Brust, ein theatralischer Blick ins Rund. „Rinderbraten“, sagt er und nimmt wieder Platz. Nastrovje, Gläser hoch und weg damit.

Während ich dunkle, würzige Fleischstücke zum Mund führe, rechne ich mal nach. Ich habe bislang ungefähr einen halben Liter Wodka getrunken, kann noch sprechen, mich bewegen und bin fröhlich entspannt. Ich teile diese Beobachtung Alexej mit, er ergreift meinen Arm, schaut mir ernst in die Augen und spricht: „Stjepan, wir Russen sind Kämpfer. Und wir kämpfen auch mit dem Wodka. Wir gewinnen den Kampf mit dem Wodka, weil wir schlau sind. Wir trinken nie, ohne dabei zu essen. Und wir sind dem Wodka treu, die ganze Nacht.“ Ich verstehe. Während wir Deutschen uns mit Fähnchen geschmückte Wodka-Zucker-Fruchtsaftmischungen durch Trinkhalme reinpfeifen, dazu eine Salzstange knabbern und später auf Bier umsteigen, sorgen hier klare Rituale, kräftigende Speisen und puristischer Trinkgenuss für einen erstaunlich bekömmlichen Suff.

Es folgt ein weiterer Trinkspruch, ein weiterer Wodka. Der Trinkspruch, erfahre ich, ist ein wichtiger Bestandteil des Wodkatrinkens, er dient der Legitimation: „Trinken ohne Trinkspruch ist Trinksucht.“ Aha. Als ich zum ersten Mal aufstehe, knickt das Zimmer für einen kurzen, aber sehr irritierenden Moment zur Seite, ein holpriger Ausfallschritt meinerseits rückt die Dinge wieder gerade, ich wanke in die Küche. Sonja, Nadja, Irina, Dunja und Olga kochen Tee, stapeln süße Piroggen auf ein großes Silbertablett. Ich lehne mich an den Kühlschrank und sehe genau zu. Ist mir egal, ob ich erblinde. Sonja drückt mir eine neue Flasche Krepkaya in die Hand und sagt: „Jetzt Du!“ Ach Du liebe Güte! Mit dem Einschenken klappt es noch, dann halte mich an meinem Stuhl fest und sehe in zehn erwartungsvolle Augenpaare. Mir fällt nix ein. Doch. Leider: „Auf Eure warmherzige Gastfreundschaft, auf die reiche, russische Küche und auf den klaren Geist des Wodkas! Mögen die Weizenfelder der Russischen Föderation ewig wachsen.“ Es muss am Wodka liegen. „Das hat er schön gesagt!“, ruft Alexej mit schimmernden Augen, zustimmendes Kopfnicken am Tisch, Nastrovje, Gläser hoch und weg damit. Olga fummelt an der Kompaktanlage, Leningrad grölen „Na Hui“ über fliehenden Gitarrenläufen, Alexej und Pjotr schaffen Platz und klappen die Tapeziertische zusammen, Sonja geht mit der sechsten Flasche rum und serviert dazu Wurstbrote. Die Party kann beginnen.

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20 Responses

  1. Marqueee sagt:

    Und dann? Ich vermisse den Teil mit dem Erwachen am nächsten Morgen!

    Neugierig,
    Marqueee

  2. claudia sagt:

    Herrlich! Wie kommt man denn bitteschön an solch grandiose Einladungen?

  3. Na dann: Prost!
    Weitere (russische) Trinksprüche kann man übrigens unter http://www.russlandjournal.de/typisch/trinksprueche/ finden – inklusive Aussprachehilfe.
    Ab dem dritten Glas klingt aber wahrscheinlich sowieso alles viel „ruschischer“… *hicks*
    Unser vorletztes Weihnachtsessen hatten wir übrigens im HoteLux. Dieses Sovietlokal in Köln hat eine extra Wodka-Karte mit über 70 Sorten. Ваше здоровье!

  4. PS sagt:

    Das klingt verlockend.
    Sollte ich jemals in die Trinksucht abrutschen, dann gleich mit harten, klaren Sachen. Wodka-Mixgetränke sind doch ein Graus.
    Ich hatte mal einen russischen Masseur und zum Abschied habe ich ihm eine kleine Flasche Wodka überreicht. Er hat sich sehr über die Geste gefreut und wollte dann auch unbedingt die Flasche öffnen und mit mir anstossen. Aber, das Dilemma, nichts zu Essen da und Wodka ohne irgendwas zu Essen geht eben nicht – da war er ganz streng.
    Also hektische Betriebsamkeit und von der Kollegin Essiggurken angeschleppt und dann konnte wir unsere gute Geschäftsbeziehung stilvoll beenden. Es war ein großer, ernsthafter Moment.
    Das ließ er sich nicht nehmen!

  5. Herr Paulsen sagt:

    PS, danke für die Anekdote, das bestätigt aufs schönste die Strenge der Regeln.

    Mrs. Wordmountain, wunderbarer Link fürs nächste Mal!

    Claudia, man muss sich nur öfter auf Datscha-Partys rumtreiben:-)

    Marqueee, patsch! Natürlich, also: absolut keine Nachwirkungen am nächsten Tag, es ist verblüffend. Ich habe mittlerweile selbst eine Wodka-Party nach diesen Regeln veranstaltet, Rundruf am nächsten Tag: alle meine Gäste waren fit! Leider ist Wodka wenig kulinarisch, da gibt Wein doch einfach mehr her.

  6. kaltmamsell sagt:

    Ja!
    Was Wodka nicht macht, ist ein Schwipps. Erst ist nix, dann schlagartig alles. Ich habe beim Lesen genau auf den Moment „knickt das Zimmer für einen kurzen, aber sehr irritierenden Moment zur Seite“ gewartet.
    Heftiger Respekt, Herr Paulsen, mich mussten meine russischen Freundinnen ins Bett tragen – wenige Minuten nachdem ich ihnen erfreut mitgeteilt hatte, dass Wodka ja gar nicht betrunken macht. Doch auch bei mir war am nächsten Morgen alles bestens.

  7. Jutta sagt:

    Ich reibe mir auch gerade ein Tränchen aus dem Augenwinkel, weil’s so schön war, das Lesen.

    Da muss ich noch eine kleine Anekdote erzählen: Ich lernte eine Russlanddeutsche kennen, die mir entrüstet erzählte, dass ihr Mann für den damals ungeborenen Sohn einen Namen suchte. Als er endlich fündig geworden war, wollte er das Kind „Erwin“ nennen. Sie konnte überhaupt nicht fassen, wie ihr Mann auf so eine Idee kommen konnte und hatte sich nach langen Diskussionen gegen ihren Gatten durchsetzen können. Ich: „Und wie heißt das Kind jetzt?“ Sie: „Stanislaus“.

  8. Herr Paulsen sagt:

    Kaltmamsell, ich hatte den ganzen Abend das Gefühl, sehr nüchtern neben mir zu sitzen und mir beim „betrunken sein“ zuzuschauen, Proband und Wissenschaftler in einem. Schräg.

    Jutta, danke, vom Regen in die Traufe sag ich mal:-)

  9. MoNeo sagt:

    „Leider ist Wodka wenig kulinarisch, da gibt Wein doch einfach mehr her.“

    Da ist er doch noch – der Ausrutscher. Wodka ist wie ein schwarzes T-Shirt – datt passt imma. ;-) Was man von Wein ja nicht behaupten kann. Dazu kommt, dass man sich bei Wodka weder mit dem Anbaugebiet noch dem Jahrgang groß vertun kann.

    Am allerbesten jedoch finde ich, dass man so etwas inzwischen erleben kann ohne tagelang in irgendwelchen altertümlichen Waggons eingesperrt zu sein.

  10. Herr Paulsen sagt:

    Das mit dem schwarzen T-Shirt leuchtet sofort ein MoNeo, dankeschön. Der ein oder andere Wodkas soll ja sogar an schwarze Oberhemden erinnern:-)

  11. kaltmamsell sagt:

    (Habe eben dem Mitbewohner die Geschicht vorgelesen. Mit verschiedenen Akzenten. Sie ist so wunderbar, dass sie selbst das ausgehalten hat.)

  12. Daniel sagt:

    schön… wäre ja auch was fürs buch gewesen… :-)

  13. Herr Paulsen sagt:

    Daniel, mit Euch würd ich auch noch den zweiten Band machen! :-)

  14. Herr Paulsen sagt:

    Kaltmamsell, das hätte ich ja gerne als Steam!

  15. Heidi sagt:

    Die Wodka-Präventiv-Konsumations-Beschreibung hat einen leichten Würgreiz bei mir verursacht;-)))) aber das Rezept dafür sollte ich vielleicht speichern?! eine herrliche Geschichte! Danke dafür

  16. Köstlich und (zumindest für Leser) wohl bekömmlich.

  17. So schlimmwar es bestimmt nicht! ;)

  18. Thomas sagt:

    Wir hatten ene Diskussion, woraus man Wodka traditionell brennt: Weizen, Kartoffeln? Mir dieser existenziellen Frage konfrontierten wir später Sascha aus Russland, der muss es ja wissen. Wir ernteten nur einen verständnislosen Blick: „Das ist völlig egal, ich kannte mal einen, der hat ihn aus alten Stühlen gemacht“.

  19. Ellja sagt:

    herrlich lustiger bericht und ich hatte kaminas sozialistisches Kochbuch im kopf dabei ;-)

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