Klassenkampf

Posted on | August 21, 2009 | 9 Comments

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Die ganz große kulinarische Auswahl bietet der Bremer Stadtteil Horn Lehel nicht, gleich zweimal esse ich darum im Restaurant „bestial“, es liegt zudem in Fußnähe zum Hotel. Die Küche kocht Mediterranes mit deutlichem Anspruch, die Küchenleistung war an beiden Abenden sehr unterschiedlich.

An beiden Abenden gleich: das Publikum. Bussi-Bussi unter imposanten Design-Lampen, dunkle Hölzer, weißer Stuck und glänzende Ledersessel geben den Rahmen für eine lautstark-feine Gesellschaft. Ergraute Best Ager in Sansibar-T-Shirts und Poloschlappen prosten altväterlich den jungen Kellnerinnen zu und nach. Grell geschminkte Ehefrauen in abenteuerlich bunten Kostümen und bemerkenswerten Parfümierungen fletschen beleidigt die lippenstiftverschmierten Zähne und rufen nach mehr „Prickel!“ Sonnenbebrilltes Jungvolk grüßt einander kreischend, bling-bling-Beckhamstyle in der einsetzenden Dämmerung auf den schwankenden Planken der improvisierten Terrasse, die bei jedem Tritt der fleißigen Kellnerinnen mitschwingt.

Das bestial liegt an eine Hauptverkehrsader in die Bremer Innenstadt, ich sehe hinaus auf die Fahrbahnen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartet ein Mitarbeiter eines deutschlandweit bekannten Pizzalieferdienstes an der roten Ampel. Er sitzt auf einem Roller, hinten drauf die viereckige Wärmebox für die Pizzen, vorschriftsmäßig trägt der Pizzakurier Helm. Die Ampel springt auf Grün. Der Pizzakurier fährt nicht los. Er hupt kräftig und ausdauernd. Die Gäste auf der Terrasse drehen synchron die Köpfe, auch die Menschen im Inneren des Restaurants stehen auf, recken neugierig die Hälse, sehen durch geöffnete Flügelfenster hinaus auf die Kreuzung. Um die 60 Augenpaare ruhen auf dem höllisch hupenden Rollerfahrer.

Jetzt erst fährt er los, sehr langsam, steuert sein Gefährt mit der rechten Hand, den linken Arm hebt er, so als wolle er sich für die Aufmerksamkeit bedanken. Er hebt den linken Arm gerade ausgestreckt hoch in die laue Sommernacht, ballt die Faust in Richtung Restaurant und zeigt den Mittelfinger. Ganze fünfzig Meter fährt der Pizzabote im Schritttempo an der Terrasse vorbei, zeigt stolz und erhobenen Hauptes den Mittelfinger. Erst als er ganz vorbei ist, schon außer Sichtweite, beschleunigt er, verschwindet in die Nacht und hinterlässt ein wortlos staunendes Publikum mit offenen Mündern. Diese Ruhe.

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9 Responses to “Klassenkampf”

  1. Marqueee
    August 21st, 2009 @ 10:55

    Eat the rich!

  2. Daniel
    August 21st, 2009 @ 11:46

    mit der einstellung kriegt der typ jeden job… toll.

  3. Claudio
    August 21st, 2009 @ 12:10

    Man hätte dem Pizza-Punk eine Zugabe gönnen und umgehend eine Pizza ins bestial ordern sollen – und zwar, bitte, von dem talentierten Kurier, der vorhin an der Ampel so klare Handzeichen gab.

  4. Herr Paulsen
    August 22nd, 2009 @ 09:01

    Marqueee, da rufen wir aber vorher noch Lemmy an, wegen der passenden Tafelmusik!

    Daniel, nur in der Neukunden-Aquise dürften gewissen Probleme auftauchen.

    Claudio, sehr schön, dass nenne ich mal konsequent zu Ende gedacht!

  5. multikulinaria
    August 25th, 2009 @ 08:10

    Genial! Oder aber er zieht diese Show jeden Tag ab und kassiert heimlich Gage vom bestial. Who knows?

  6. haake
    August 25th, 2009 @ 15:02

    /besserwiss/ Der Stadtteil heißt aber trotzdem nur “Horn Lehe” nicht “Lehel” /*besserwiss/

  7. Herr Paulsen
    August 26th, 2009 @ 08:02

    Oh. Ein Freudscher, ich assozierte bei “Horn Lehe” wohl Hans-Peter Wodarz altes Restaurant, die “Ente vom Lehel”. Eigentlich denke ich dauernd nur an Essen:-)

  8. haake
    August 26th, 2009 @ 12:23

    und ich muss erstmal den Herrn Wodarz googlen :-) Essen tu ich aber auch gerne.
    Gehört hier nicht her, aber der Wacken-Beitrag “nebenan” ist großartig.

  9. nina
    August 27th, 2009 @ 09:52

    horn-lehe. und ich wuerde das nicht als stadtteil betrachten, sondern als suburb, aber das ist ist downtown-arroganz. leider ist pizza vom bringdienst in bremen nicht zu empfehlen….

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