Gelesen: "Kochen ist Krieg!" von Gregor Weber

Posted on | September 21, 2009 | 23 Comments

_THB3728JPGFoto:Thomas Hampel für Harbourfront

Das war schon eine höchst beeindruckende Kulisse, am Freitag vor einer Woche, bei der Lesung von Hellmuth Karasek, Gregor Weber und mir in der ehrwürdigen Katharinenkirche an der Peripherie der neuen Hafencity. Küchenchef Thorsten Gillert vom Artisan servierte den 160 Gästen zur Lesung im Rahmen des Harbour Front Literaturfestivals ein Dreigang-Menü. Die Hamburger Weißwurst, Kalbsbrät mit einem Hauch Hering und Matjes verfeinert, überraschte mit dem leichten Raucharoma, köstlich! Zum Hauptgang gab es Matjes satt mit Pellkartoffeln & Hausfrauensauce, zum Dessert Rote Grütze. Einfach, super.

Schon vor der Lesung durfte ich Gregor Weber kennen lernen. Erwartet hatte ich den Schauspieler Gregor Weber. Ich traf einen höchst sympathischen Kochkollegen mit dem es sich formidabel Fachsimpeln ließ. Denn Gregor Weber hat mit über 30 noch mal schnell eine Kochlehre gemacht, nicht irgendwo, sondern in Kolja Kleebergs VAU. Mit einer fulminanten und fachlich fundierten Tour der Force durch die Hölle einer Sterneküche und der mitreißenden Beschreibung jener Seelentiefs die jeder Koch während des abendlichen á la carte-Sturms durchlebt, beginnt Gregor Webers Buch Kochen ist Krieg!.

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Zehn Monate war Gregor Weber nach seiner Lehre in deutschen Küchen unterwegs, als Küchenhelfer auf Zeit in einer Pizzeria in Unna, auf einem Kriegschiff, bei Dreisternekoch Christian Bau. Er hat auf Amrum gekocht, in der Küche des Bundespräsidenten auf Schloss Bellevue, in der O2world Berlin und in einem integrativen Restaurant, dass gleichzeitig Theaterkantine ist, hat hinter die Kulissen der traditionsreichen Bremer Schaffermahlzeit geblickt. Natürlich ist nur Krieg wirklich Krieg, sagte Gregor Weber. Mit seinem höchst unterhaltsamen Bericht aus den unterschiedlichsten Küchen setzt er den Helden ungezählter Küchenschlachten in den unterschiedlichsten Küchen ein Denkmal. Mit großer Sympathie für die Protagonisten und reicher Sprache, erzählt er vom täglichen Kampf der Köche mit der Zeit, den Produkten, dem eigenen Anspruch.

Doch das Buch ist weit mehr als lesenswerte Topfguckerei, Gregor Weber gelingt ein kulinarisch-soziologisches Kaleidoskop Deutschlands, das viel über dieses Land erzählt. Das Kapitel gastarbeit. bietet tiefe Einblicke in eine deutsche Gastarbeiter-Karriere und verrät wesentlich mehr über die Deutsch-Italienischen Freundschaft als Jan Weilers Erfolgs-Fresszette Maria, ihm schmeck´s nicht. Von den siebziger Jahren über die Toskanafraktion, bis hin zum Geheimnis wie man heute Stammgast bei „seinem Italiener“ wird, reicht der Bogen der Geschichte. Gregor Weber hat Küchen besucht, die nur die Wenigsten von uns je zu Gesicht bekommen dürften: von der Wahrung kulinarischer Werte und Ansichten in Deutschland (und deren sanfter Erneuerung) künden die Kapitel über den Küchenchef des „ersten Mannes im Staat“ und der Bericht von der Bremer Schaffermahlzeit, dem seit 1545 für Koch und Gast gleichermaßen herausfordernd-strapaziöse Traditionsessen. Im Berliner Eventtempel O2world organisieren Köche die Speisung der 15.000, in der Seekiste auf Amrum und im integrativen Restaurant zählt dagegen jeder Einzelne. Ihren Beruf lieben alle gleichermaßen.

Weber beobachtet genau, seine Küchenreisen sind höchst unterhaltsam geschrieben, oft genug sehr komisch, nie unkritisch und enden mit einer Visite bei Christian Bau. Staunend schlendert der Leser ums Gipfelkreuz, drei Sterne, höher hinaus geht es nicht mit der Kochkunst und warum das so ist und warum dass eine äußerst preiswerte Küche ist, erfährt man in diesem vorletzten Abschnitt, dem noch das sehr schöne Kapitel nachschlag folgt. Klug und klar hält Gregor Weber am Ende des Buches ein knackig-kurzes gastrosophisches Plädoyer für die Köche und das Kochen, für ein Miteinander von Bauern, Händlern, Herstellern, Köchen und Gästen zur Sicherung und Steigerung einer kulinarischen Grundqualität.
Drei Sterne!

Gregor Weber
Kochen ist Krieg!
Am Herd mit deutschen Profiköchen
Erscheint: Oktober 2009

288 Seiten, mit ca 20 s/w Fotos im Text
Gebunden
€ 19,95 [D], € 20,60 [A], sFr 34,90
ISBN: 9783492052931

Comments

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23 Responses to “Gelesen: "Kochen ist Krieg!" von Gregor Weber”

  1. multikulinaria
    September 21st, 2009 @ 13:25

    Danke für die Buchvorstellung. Kommt auf den Wunschzettel…

  2. katha
    September 21st, 2009 @ 15:58

    nie gehört von dem herrn. aber nach dieser beschreibung muss ich das buch haben. danke.

  3. Ulrike
    September 21st, 2009 @ 16:48

    Jepp, ist schon auf dem Wunschzettel! Danke fürs Vorstellen.

  4. 22andabeer
    September 21st, 2009 @ 18:47

    katha, der Herr ist sonst Kommissar im saarländischen Tatort, und war der Sohn in “Familie Heinz Becker,” was aber mit dem Buch gar nichts zu tun hat.

    Das erste Kapitel alleine lohnt den Kauf. Ehrlich. Ich bin Koch und Gregor Weber beschreibt wahnsinnig treffend, was es heißt in einer Profiküche zu stehen. Kaufen.

  5. Jutta
    September 21st, 2009 @ 18:55

    Ist ja nicht mehr lang bis Oktober…

  6. thunfischdurchbrater
    September 22nd, 2009 @ 07:07

    …muß ich haben. Dem Becker-Heinz sein Sohn, das kann nur gut sein…

  7. Schnick Schnack Schnuck
    September 22nd, 2009 @ 08:13

    Danke für den Einblick. Ist wohl auch was für meinen Exmitbewohner und Koch.

  8. Marqueee
    September 22nd, 2009 @ 15:32

    Ich bin übrigens sehr, sehr neidisch, dass Sie das Buch schon in ihren Händen halten, Herr Paulsen.

  9. Herr Paulsen
    September 23rd, 2009 @ 06:32

    Wünsche Ihnen allen viel Spaß mit der Lektüre!

    Marquee, mit etwas Glück dürften noch ein paar Exemplare vom Lesungsbüchertisch bei Heymann in Eppendorf vorrätig sein, die Damen haben damals nach der Lesung die übrigen Exemplare signieren lassen und mit in die Filiale genommen.

  10. Marqueee
    September 23rd, 2009 @ 06:44

    Vielen Dank für den Tip, Herr Paulsen. Ich verehre Herr Weber zwar durchaus als Schauspieler von einigem Talent und auch hat mich ihr Bericht sehr, sehr neugierig gemacht – doch so weit, dass ich eigens zum Zwecke des Buchkaufs aus dem Rheinland anreisen würde, reichen Verehrung und Neugierde dann leider doch nicht. Vom Fehlen der dafür notwendigen Ressourcen zeitlicher und auch finanzieller Art einmal ganz zu schweigen.

  11. Herr Paulsen
    September 23rd, 2009 @ 07:31

    :-) Verzeihung! Ich wollte kein Salz in eventuelle Wunden streuen! Es war so früh am Morgen, da wird die Netznähe schon mal zur vermeintlich geographischen Wahrheit…

  12. 29alwi
    September 23rd, 2009 @ 10:09

    Kochen als Krieg zu bezeichnen halte ich doch für übertrieben bzw, für eine falsche Wortwahl. Wer ist da der Feind, wer kämpft da miteinander.
    Koch gegen Koch, Koch gegen Gast oder Gast gegen Koch.

  13. Herr Paulsen
    September 23rd, 2009 @ 10:14

    Aus meinen aktiven Jahren muss ich erinnern: manchmal ist es von allem ein bißchen;-)

    Gregor Weber erklärt den leicht überhöhten Titel im Buch sehr schön, auch ihm ist natürlich klar, dass nur Krieg Krieg ist.

  14. katha
    September 29th, 2009 @ 07:44

    danke, 22andabeer, ich bin zwar von der schreibenden zunft, habe aber mit tv (auch in meiner freizeit) so gut wie gar nix zu tun. das buch ist schon bestellt.

  15. gastro
    Oktober 6th, 2009 @ 09:21

    Sieht auch super aus :)

  16. 29alwi
    November 5th, 2009 @ 08:44

    Habe endlich die Zeit gefunden das Buch zu kaufen und auch zu lesen. Sehr unterhaltsam und spannend zu gleich, wie Weber seine Arbeit in den Küchen beschreibt.
    Zwei Anmerkungen:
    1. Die erste Auflage scheint bereits vergriffen.
    2. Die Alte Schule Fürstenhagen ist lt. Homepage geschlossen.

  17. Herr Paulsen
    November 5th, 2009 @ 09:35

    Vielen Dank für die Info! Das Buch scheint wirklich formidable zu verkaufen, schön ist das, gute Bücher gehören in die Welt!

  18. dasven
    Februar 21st, 2010 @ 05:51

    danke gregor,endlich ma einer der sagt wie es in deutschen küchen zugeht

  19. Herr Paulsen
    Februar 21st, 2010 @ 16:34

    Und das Allerschönste: am Sonntag den 11. April 2010 lesen Gregor Weber und ich abends gemeinsam in der “Sparte 4″ in Saarbrücken!http://www.sparte4.de/

  20. patrick
    März 6th, 2010 @ 22:41

    ich habs gelesen und bin selber och muss sagen:
    der mann hat einfach recht mit dem was er sagt.

    lg

  21. ela
    Juni 5th, 2010 @ 10:05

    ich habe das buch auch gelesen und habe jede Zeile genossen. Fühlte mich keineswegs gelangweilt und wann bekommt man schon einen Blick hinter die Kulissen?

  22. Herr Paulsen
    Juni 6th, 2010 @ 07:35

    Freut mich sehr Ela!

  23. Eva P.
    Oktober 6th, 2010 @ 09:48

    Falls jemand in der Nähe von Bayreuth lebt: Herr Weber liest am 14. und 15. Oktober 2010 in Bayreuth – inklusive Menue & Musik! Organisiert wird das vom Literatur-Cafe Bayreuth (www.literaturcafe-bayreuth.de), dort finden sich auch alle weiteren Details. Ich bin auf alle Fälle dort – schon allein, weil ein guter Freund den Bass zupft. Und auf die saarländische Küche bin ich gespannt – ob die besser ist als die oberfränkische wird sich zeigen! Karten sind, soweit ich weiß noch in geringer Stückzahl erhältlich….!

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