Grenzen der Gastfreundschaft: die Sushi-Frage

Posted on | November 9, 2009 | 35 Comments

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Immer wieder liest man in Restaurantkritiken von pampigen Kellnern, schnippischen Bedienungen und unhöflichem Servicepersonal. Der Gast wird wesentlich seltener und nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert. Grund zur Klage, das weiß ich aus leidlicher Erfahrung, gäbe es genug, nicht wenige Menschen legen im Restaurant einen bemerkenswert herrischen Ton an den Tag, verwechseln Bedienen mit Dienen und dann geht der Ärger los. Manche Gäste haben auch ganz eigene Vorstellungen davon, was sie für ihr Geld erwarten dürfen. Erwartungen und Weltsichten prallen da oft mit Karacho aufeinander.

Unvergessen ist mir jene Begebenheit aus meinen Kochtagen in Berlin. Damals arbeitete ich im Restaurant Hugenotten, dem Gourmet-Restaurant des Interconti Hotels dass heute „Hugos“ heißt und dessen Küche, hoch über den Dächern Berlins, vom brillanten Thomas Kammeier geführt wird. Wir kochten damals noch im Erdgeschoss, die Mauer war gefallen, der Wettlauf um das beste Berliner Hotelrestaurant begann zu dieser Zeit, der Laden war frisch renoviert und es wurde eine hochmotivierte, junge Kochbrigarde zusammengekauft. Wir waren Feuer und Flamme, ehrgeizig und Willens den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Mit Erfolg, binnen eines arbeitsreichen Jahres hatten wir einen guten Namen und 16 Punkte im Gault Millau. Mit dem Erfolg kamen auch jene Menschen die sich mit viel Geld ein Halbwissen des guten Geschmacks angefressen und angelesen hatten, unangenehme Zeitgenossen mit der emotionalen Intelligenz einer Zitrone, Dinosaurier der fetten Achtziger.
Unser damaliger Restaurantleiter, ein schöngeistiger Franzose, mit Fachkenntnis und Feingefühl, erlebte und ertrug so manches, stets bewahrte er die Contenance und begleitete auch die unmöglichsten Gäste durch den Abend. Ein kräftiges “Merde!” entfuhr ihm immer erst, wenn das letzte Licht gelöscht und die Tische abgetragen waren. Ein einziges Mal nahm er sich die Freiheit, die Pflicht der Gastfreundschaft und ihre Grenzen für sich neu zu definieren.

Ein Ehepaar speiste an diesem Abend in unserem Restaurant, er, ein erfolgreicher Medienberater, sie, die Frau eines erfolgreichen Medienberaters. Ihr Sohn, fünf Jahre alt, daddelte schon seit dem Amuse Geule, autistisch auf einem Gamboy herum, pling, pling, pling,bidddelidelidlid….Nach dem zweiten Gang schritt unser Restaurantleiter zur Tat, es musste ein Ende haben mit der Gamboy-Hintergrundmusik und er wendete sich an den Jungen:

“Sag mal, möchtest Du vielleicht mal unsere Küche besuchen?”

Der Junge sah nicht von seinem Gameboy auf, ignorierte den Restaurantleiter, die Antwort kam vom Vater:

“Nein, unser Sohn möchte die Küche nicht sehen, da arbeiten Neger.”

“Ähh.…non, Monsieur.”

“Lügen Sie mich nicht an, in allen Küchen arbeiten Neger!”

Kurz stockte unser Restaurantleiter, wendete sich dann ruhig den Gästen zu und sagte:

“Sie sind eingeladen, ihr Essen bezahle ich privat, bitte sie aber, jetzt zu gehen. Ich lasse ihnen ihre Mäntel bringen. Einen schönen Abend wünsche ich.“

Ein damals viel diskutierter Affront, nicht Wenige waren der Meinung, dass der Restaurantleiter über die Privatmeinung des ungehobelten Gastes hätte hinwegsehen müssen.

Oftmals aber geht schlechter Benimm auch viel subtiler. Und oft tun sich Restaurant, Gastgeber oder Service schwer mit der Reaktion auf offensichtlich provokantes oder auch nur unangebrachtes Verhalten. Je höher das Niveau, desto größer der Wille vieles Hinzunehmen.

Am Wochenende diskutierten wir, zu meiner Überraschung, folgenden Vorfall unter Freunden: Freund A. erzählte von einem Ehepaar dass einen Tisch im 1 Michelin-Stern Restaurant (18 Punkte im Gault Millau) eines 5 Sterne Hotels reserviert hatte. Der Abend begann und die ausgelobte Vorspeisenauswahl des Sternekochs entsprach nicht den Vorstellungen der Gäste. Die Herrschaften bestellten Sushi. Freund A. berichtete weiter, dass die Restaurantleitung daraufhin Sushi hatte rankarren lassen und zwar vom Sushi-Lieferservice.

An dieser Stelle führte die Erzählung direkt in eine lebhafte Diskussion. Mich empörte die Arroganz der Gäste, hatte sich der berühmte Sternekoch doch sicher was gedacht bei seinen Vorspeisen, eine Linie, ein kulinarisches Konzept für das er, seine Küchenbrigade und das Restaurant, stehen und das seine Handschrift trägt. Ich empfand die Sushi-Bestellung als Unmöglichkeit im doppelten Sinne.

Freund A. empörte etwas ganz anderes. Er prangerte an, dass das Sushi in einem Restaurant dieser Klasse doch nicht vom Lieferservice kommen dürfe. Während ich fand, das sei doch eine hübsche Bestrafung für so ignorantes Verhalten, war A. der Meinung, die Sushiplatte hätte zumindest beim besten Sushi-Meister der Stadt bestellt werden müssen. (Dass die Spontan-Herstellung von Sushi in der Küche jeden zeitlichen Rahmen gesprengt hätte, zumindest darüber herrschte Einigkeit).

Freund B. fand wir hätten beide ein bisschen Recht. Ich hätte Recht, wäre besagtes Restaurant nicht an ein 5 Sterne Hotel angeschlossen, in einem Hotel dieser Kategorie dürfe der Gast aber erwarten so ziemlich alle Wünsche erfüllt zu bekommen, das schlösse dann in diesem Fall auch das Restaurant ein, darum habe auch Freund A. recht, da müsse dann auch die Sushi-Platte ohne Diskussion per Taxi geordert und nur vom Feinsten sein.

Tja. Und jetzt gebe ich das mal so an Sie weiter, wie sehen Sie das?

Comments

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35 Responses to “Grenzen der Gastfreundschaft: die Sushi-Frage”

  1. katha
    November 9th, 2009 @ 08:23

    ich hätte dem ehepaar zur sushi-bestellung das örtliche branchenbuch gebracht und sie schneller rausgeschmissen als das rassistische familienoberhaupt. so etwas muss sich niemand in der gastronomie bieten lassen.
    mich wundert immer mehr (und häufiger), was sich gäste alles einbilden und erlauben wollen. sie zahlen für mehr oder wenig aufwändig und gekonnt zubereitetes essen (über dessen grundsätzliche richtung sie vorher bescheid wissen) in dem gewählten rahmen samt freundlichem und mehr oder weniger kompetentem service, aber bitteschön nicht dafür, den service und die küchenbrigade wie leibeigene behandeln zu können. das geld wäre beim psychotherapeuten besser aufgehoben als in der 5-sterne-hotellerie (freund a hätte ich für eine stunde mitgeschickt). entschuldigung, aber ich hätte über diese unverschämtheit und arroganz nicht mal theoretisch diskutieren können.

  2. Helga
    November 9th, 2009 @ 08:28

    Wieso sind sie nicht gleich in ein Sushi-Restaurant gegangen?

    Emporkömmlingsverhalten ohne Stil. Sollte die Vorspeisenauswahl auf Grund von beispielsweise Unverträglichkeiten nicht in Frage kommen, wird ein erstklassiges Restaurant darauf reagieren und zaubern. Und mit einer “was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht Mentalität” kann ich mir in der Regel das Geld für ein Sterne-Restaurant sparen…

    Übrigens, Hut ab vor dem französichen Restaurantleiter…

  3. Nathalie
    November 9th, 2009 @ 08:36

    Auch ich bringe ja manchmal Sterneküchen etwas in die Bredouille wegen meiner vielen Unverträglichkeiten.
    Aber ich würde es mir nie einfallen lassen, ganz andere Sachen zu bestellen. Egal ob 5 Sterne Hotel oder Michelin-Stern-Restaurant.

    Meist frage ich schon vorher telefonisch an, ob wir – trotz meiner vielen Unverträglichkeiten – “zusammenkommen” (Absagen gibt es da schon mal). Und außerdem bin ich beim Essen sehr froh, wenn ich Gerichte bekommen, denen lt. Koch und Service vielleicht das letzte i-Tüpferl fehlt, für mich aber in meinen mir gegebenen Grenzen das bestmögliche herausholen.

    Nathalie

    P.S.
    Ich hätte sie weggeschickt – wie den Herrn Medienberater mit Familie.

  4. Claudia
    November 9th, 2009 @ 08:43

    Ich sage: Das geht gar nicht. Sowohl Sushi bestellen, wo es kein Sushi gibt (von daher stimme ich zu: gerechte Strafe ;)), als auch in einem 1-Sterne-Restaurant Sushi vom Lieferservice bestellen. Das würde ich akzeptieren, wenn sich Hotelgäste über den Zimmerservice etwas bestellen. Sollte dann natürlich wirklich erstklassig sein.

    In der Tat denken sich die Küchenchefs ja etwas dabei, wenn sie ein bestimmtes Menue kreieren. Man kann als Gast gern über Beilagen verhandeln, wenn einem etwas nicht zusagt, aber etwas komplett anderes? Man stelle sich das ganze in einem Sushi-Restaurant vor: “Ich möchte aber lieber einen Hirschbraten mit Knödeln und Preiselbeeren.” Gibt’s ja glücklicherweise nicht vom Lieferservice.

    Und im Blumenladen kann ich auch nicht sagen: “Ach, ich möchte aber lieber eine Schachtel Konfekt verschenken. Geben Sie mir lieber Trüffel.” Dann werde ich automatisch (und mit verwundertem Blick) in ein anderes Geschäft geschickt.

  5. kritzlibaer
    November 9th, 2009 @ 08:51

    Ob bei der Pizza beim Italiener um die Ecke oder im 5-Sterne-Hotelrestaurant: Ich hasse es, wenn manche Zeitgenossen, die Zusammenstellung der Speisen, bei der sich der Koch sicher etwas gedacht hat, neu definieren wollen. ”Die Pizza Provenciale, aber ohne Sardellen und ohne Kapern, dafür mit ganz viel Ananas!” ist genauso daneben, wie Sushi in einem Gourmet-Lokal. Sollen sie doch zu Hause selber was zusammenpanschen. Ich pflichte katha bei: unverzüglicher Rausschmiss!

  6. Nicky
    November 9th, 2009 @ 09:15

    Ich wäre als Restaurant-Chefin gänzlich ungeeignet, zu oft würde ich Gäste wegen schlechtem Benehmen und anderer Frechheiten nach Hause schicken wollen. Kathas Lösung mit dem Branchenbuch dagegen wäre wohl kaum zu toppen!

    Leider lassen sich Restaurants – meiner Meinung nach – heutzutage viel zu viel gefallen, ich konnte auch kaum glauben, was uns in einem 3-Sterne Restaurant passiert ist (http://tinyurl.com/yj6u48g).

    Auch wenn man eigentlich erwarten sollte, dass Gastronomie-affine Personen besonders souverän in Restaurants agieren, hat mich Bloggerin Pims Buch eines Besseren belehrt. Sie empfiehlt, wenn die Restaurant-Erfahrung mal nicht läuft wie erwartet – “laß Deine innere Kaiserin raus”. Spiel den Snob, laß Besteck austauschen, weniger Eiswürfel, mehrfach Bestellungen ändern, das ganze Programm. Begründung? Die anderen haben angefangen, aber Du wirst das Spiel auf jeden Fall gewinnen. Was soll man dazu noch sagen?

  7. maisonrant
    November 9th, 2009 @ 09:29

    Über die Frechheit ist man sich hier sowieso einig – auch ich habe dem nichts hinzuzufügen.
    Ich denke nur gerade schmunzelnd daran, wie es wäre ein vermessener, unangenehmer, unmöglicher Gast mit Hang zum Größenwahn zu sein: Wenn die Restaurantkare nicht den Vorstellungen entspricht, ein Zimmer zu buchen und dann Sushi zu bestellen. DAS wäre Arroganz in perfektion, der man kaum beikommen könnte.

  8. mutant
    November 9th, 2009 @ 09:42

    schwierige lage.
    gruendsaetzlich ist es gebot no 1, das der gast immer recht hat. aber zu jeder regel gibt es ausnahmen und bieten lassen muss man sich nicht alles.
    der dumme rassist ist zu recht rausgeflogen. die sushi-deppen hingegen…. koennen sich nicht beklagen. sie gehen wohin, wo sushi nicht auf der karte steht und vermutlich auch nicht mal eben “zusammengeschustert” werden kann, also wird es woanders besorgt. wenn sie welches vom besten sushi-mann der stadt haben wollen, muessen sie eben da hingehen.
    manche gaeste machen einem die gastlichgkeit einfach unmoeglich.

  9. Sebastian
    November 9th, 2009 @ 09:45

    Ehrlich gesagt fehlen mir hier noch ein paar Informationen, um die Geschichte zu beurteilen. War es eher ein unfreundlicher Akt ignoranter Gäste, das Angebot des Koches zu verschmähen oder kapitulierten sie vor einem überfordernden Angebot (waren vielleicht Hotelgäste auf der Suche nach etwas Gutem zum Essen im Haus) und wünschten sich nur etwas Vertrautes in hoher Qualität? (Immerhin wollten sie ja keine Pizza.) Denn das sollte ein exklusives Hotelrestaurant immer bieten, auch wenn es einen Stern hat – der wird nämlich von den Zimmergästen subventioniert.

    Und: Waren die Gäste dann zufrieden? Und haben weiter von der Karte gegessen? Und waren dann noch zufriedener? Dann hat das Lokal eigentlich alles richtig gemacht Dabei gehe ich einmal davon aus, dass auf so einem Niveau der Sushi-Lieferant nicht wahllos aus den Gelben Seiten gesucht wurde, sondern dass das durchweg feinschmeckerische Personal sofort wusste, wo man zugleich sehr schnell und sehr gut Sushi in der großen (?) Stadt bekommt, schließlich liefern auch die besten für gutes Geld. Ich vermute daher auch, dass sich das Hotellokal diesen Service gut bezahlen lassen hat – besser, als den Tisch am Abend leer stehen zu lassen und so vielleicht einige hundert Euro und vielleicht auch gut zahlende Gäste für die Zukunft zu verlieren. Denn hey, Kochen ist erst einmal nicht Kunst, sondern Dienst am Gast und ein Geschäft.

    Und wer weiß, während wir hier schimpfen und lästern, sitzen diese Gäste jetzt vielleicht immer noch daheim auf dem Sofa und staunen stumm und freudig darüber, dass man ihnen in diesem Sechssterneladen tatsächlich diesen Wunsch erfüllt hat und sagen sich, da gehen wir jetzt öfter hin, und beim nächsten Mal nehmen wir auch die Vorspeise und Omas Geburtstag feiern wird da auch. Da wäre ich dann als Koch und Gastgeber ganz besonders froh und stolz drauf, grad auch, wenn es jene unfreundlichen (oft nur unsicheren) Ignoranten gewesen wären.

    Was wohl in Japan in solch einer Situation geschehen wäre? Wahrscheinlich hätten sie nicht mit der Wimper gezuckt, und das nicht, weil Sushi dort selbstverständlich sind, sondern weil man dort einfach nicht nein sagt, in erstklassigen Hotels ist man sogar stolz darauf, dem Gast wirklich jeden Wunsch wertfrei zu erfüllen, so lange er nicht gegen irgendwas verstößt (naja, und selbst dann…). Wenn man allerdings in einem erstklassigen Sushi-Restaurant auf Yakitori- bestehen würde – HARAKIRI!

    Oder waren’s am Ende Japaner, Mr. Nutriculinary?

  10. Claus
    November 9th, 2009 @ 10:21

    Rausschmeißen, diese Ignoranten, und zwar achtkantig. Es ist unglaublich, was sich manche Leute anmaßen. Ich erwarte doch auch nicht bei einem Besuch im Fußballstadion, daß die Mannschaften Synchronschwimmen aufführen!

  11. Ellja
    November 9th, 2009 @ 10:44

    In diesem Fall scheint es mir recht boshaft, wenn ich Sushi bestelle, wo es eigentlich keines im Angebot gibt. Da wäre ich ebenso rigoros oder ich müsste so viel Coolness an den Tag legen und darüber hinweg sehen, aber dann wäre das mit dem Lieferdienst auch meine Idee, und von wegen, nur vom besten… Rasissten, Kleinkarierte, Großkotze gehören entlarvt!

    andererseits, klar gibt es unverschämte Gäste, aber genauso gibt es auch unverschämte Gastgeber (Wirte, Restaurantbesitzer). Insgesamt ist es ein heikles Terrain, das von beiden Seiten mehr gewürdigt werden sollte, meine ich.

  12. buchstaeblich
    November 9th, 2009 @ 11:03

    Wenn ich im Fischladen Fleischwurst bestellen würde, bekäme ich ein “Ham wa nich!” zu hören. Zu Recht.

    Wo ist also das Problem, einem Gast zu sagen, dass ein Gericht, das nicht auf der Karte steht, nicht zu haben ist?
    “Es tut mir leid, aber Sushi befindet sich außerhalb unseres heutigen Repertoires.” – geht doch.
    Das ist m. E. nicht auf einer Linie mit “Gulasch ist aus!”

  13. Mike
    November 9th, 2009 @ 11:16

    Die Sushi-Besteller hätte ich darüber aufgeklärt, dass ihr Wunsch zwar erfüllt wird, das Essen in dem Fall aber nicht aus der eigenen Küche kommt. Jedes Haus hat so seine eigene Philosophie, bei der Erfüllung von Gästewünschen. Wäre es kein Hotelrestaurant, sondern “nur” ein Sternerestaurant gewesen, wären die Gäste wohl hinauskomplimentiert worden. Ich beobachte sehr oft, dass Dienstleister wie Dreck unter dem Fingernagel behandelt werden, und dies schlucken (müssen). Das rächt sich spätestens dann, wenn der Dienstleister zum Dienste-Empfänger wird. Viele mutieren dann ebenfalls zum Kotzbrocken. Es ist einfach eine Frage der Menschlichkeit und der Erziehung.
    Der Gastronom muss sich nun fragen, wie weit will er gehen (buckeln), um an das Geld anderer Leute zu kommen? Sich als Fußabtreter behandeln zu lassen, kann die Lösung nicht sein.

  14. eat
    November 9th, 2009 @ 12:13

    Das Hotel hat alles richtig gemacht. In besonderen Hotels gibt es ja extra die (den?) Concierge, zuständig um den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. Somit ist das, was im Restaurant geschah, nur eine Weiterführung der internen Hotel-Politik. Ich vermute jetzt einfach mal, dass die Gäste über die Herkunft und Preis der Sushi aufgeklärt waren und dass das Hotel auch sich dafür nicht haftbar gemacht hat ob das Sushi gefällt oder nicht. Das Verhalten der Gäste ist natürlich mehr als bedenklich. Wenn Sie aber die teuerste Suite hatten…. Generell ist man sich doch, wenn im gehobenen Hotel-Gewerbe tätig, darüber im Klaren dass 75% aller Gäste hochnäsige, halbwissende Hampel sind. Mit Geld. Und vom Geld landet ein Teil als Trinkgeld am Ende doch in die Tasche der Angestellten.

    Ich denke die Gäste können davon ausgehen im kleinen Buch der Conciergen mit einem negativen Vermerk gelistet zu sein. Als ich noch im Four Seasons in Chicago arbeitete, hatten dort die Concierges über nahezu alle wiederkehrenden Gäste eine Liste mit Wünschen, Eigenarten etc. Die netten bekamen die Tickets für die ausverkaufte Vorstellung von “Cats” mit Sitzplätzen in den guten Reihen, die Arschlöcher die schlechten. Trinkgeld gab es ja schon bei der Übergabe der Karten.

    In einem Restaurant wäre die Bestellung von außerhalb undenkbar. Dass die Gäste nach dem Apero noch geduldet wären auch.

  15. skizzenblog
    November 9th, 2009 @ 12:19

    dazu kann ich nur sagen:
    ein freundliches wort zu rechten zeit wirkt oft wunder:
    http://skizzenblog.clausast.de/?p=1403

  16. Eline
    November 9th, 2009 @ 12:32

    Eine Freundin von mir hat ein 2 Hauben Restaurant. Ein “Gast” hat seinen Blattspinat auf das weisse Leinentischtuch geleert, weil 1 kleines Stück Spinatstängel an einem Blatt dran war und zum Rumbrüllen angefangen. Vorher hat Fisch und Sauce ratzfatz aufgegessen, wollte aber nicht bezahlen. Meine Freundin war so fertig, dass sie nicht souverän reagieren konnte und ihn Tränen ausbrach. Dann hat sie ein Selbstbewusstseinstraining (ein gutes) gemacht. Seither schaukelt sie solche Situationen perfekt: einladen und entfernen.
    Das hätte ich auch in beiden geschilderten Fällen getan. Ich bin der Meinung, dass sich jeder Wirt seine Gäste aussuchen kann, solange er dabei nicht gegen Menschenrechte verstösst.

  17. wortteufel
    November 9th, 2009 @ 13:02

    Muss ich als Gast essen, was der Chef will oder das, was ich gern essen möchte? Friss was da ist oder stirb?

    Gehe ich essen, um für mich etwas Gutes zu tun oder gehe ich essen, um dem Koch etwas Gutes zu tun? Ist es sein Job und mein Vergnügen?

    Kommt ein Kunde zu mir, habe ich oft andere Ideen für ihn. Doch was helfen die, wenn der Kunde, der mich bezahlt, damit nicht zufrieden ist? Soll ich ihm was verkaufen, weil es mir passt oder sollte es ihm passen?

    Wie war das mit dem Fisch, dem Angler und dem Wurm?

    Und ich schließe mich Frau Buchstäblich an: Warum nicht sagen, dass es kein Sushi gibt? Wenn der Gast dann unzufrieden ist, liegt es an ihm auf die Vorspeise ganz zu verzichten oder zu gehen. Und das Restaurant hat sich nichts vorzuwerfen.

    Jedoch auf den Wunsch einzugehen und dann unter Umständen minderwertige Ware vom Lieferservice zu servieren, sollte unter dem Niveau eines guten Restaurants sein.

  18. Vijay
    November 9th, 2009 @ 13:46

    Bei der Sushigeschichte vermute ich, dass es sich um Hotelgäste gehandelt hat. Und die finde ich, verdienen in diesem Zusammenhang durchaus in Schutz genommen zu werden. Denn anders als der eigens angereiste Gourmet, hat der Hotelgast erstens Hunger und zweitens vielleicht auch noch etwas anderes vor an diesem Abend. Ich kann es mir original vorstellen: man geht runter in die Halle, fragt, wo gibts was zu essen, die Dame an der Rezeption sagt (denn der Laden muss voll werden): ‘Da kann ich unser Gourmetrestaurant empfehlen’, man setzt sich rein und kriegt kleine Kunstwerke vorgesetzt. Am besten noch mit zwei pubertierenden Kindern. Da empfinde ich die Frage nach Sushi souverän, wie übrigens auch die Reaktion des Restaurants.

  19. katha
    November 9th, 2009 @ 15:24

    was hat die frage nach sushi mit souveränem verhalten zu tun? grundsätzlich: was hat es mit souveränität zu tun, in einem restaurant nach etwas zu fragen, was in diesem restaurant garantiert nicht auf der karte steht oder zubereitet werden kann? mir fallen da schon andere begriffe ein: frotzelei, impertinenz, arroganz, in der höflichsten variante: unsicherheit und dummheit.

  20. Herr Paulsen
    November 9th, 2009 @ 15:26

    Vielen Dank für Feedback ich hatte schon befürchtet, es stimme etwas mit meiner gastronomischen Einstellung nicht mehr. Natürlich soll das Essen dem Gast schmecken und ich bin überzeugt, daran arbeitet jeder Sternekoch während jedes Services hart, er verdient eine Chance zu zeigen was er kann und damit ist nicht das Telefonieren mit dem Sushi-Service gemeint.

    Interessant finde ich die Trennung zwischen Restaurantgast und Hotelgast, die sowohl in unserer Diskussion wie auch jetzt in den Comments immer wieder in die Waagschale geworfen wurde. Unser Ehepaar war extra für diesen Restaurantabend gekommen, es waren also keine Übernachtungsgäste. Aber dann mit zweierlei Maß messen, die Hausgäste bekommen Sushi, die Restaurantgäste nicht? Dann muss das durchgezogen werden. Die Invasion der Clubsandwich-Zombies droht, zumindest das betroffene Haus bietet aber zudem noch mehrere eigene Restaurationen an, in denen andere, etwas preiswertere und auch bodenständigere Speisen gereicht werden. Nur Sushi gibt es da tatsächlich nirgendwo.

    Es bleibt also die Sushi-Situation im Sternerestaurant und die Entscheidung liegt beim Management. Leider ist nicht übertragen, wie der Abend weiter verlief, wir diskutierten erhitzt den Auftakt und kamen nicht weit. Ich vermute aber mal, dass das Haus rein wirtschaftlich die richtige Entscheidung getroffen hat, da ist eat und Sebastian sicher zu folgen, der Rest ist Einstellungssache und Hauspolitik.

    Mein besonderer Dank an Claus Ast vom Skizzenblog, der hier einen Vorschlag zur Güte für uns gezeichnet hat:

    http://skizzenblog.clausast.de/?p=1403

  21. Vijay
    November 9th, 2009 @ 15:56

    Interessant ist auch die Frage, ob die Leute vom Nebentisch neidisch waren

  22. Nicky
    November 9th, 2009 @ 17:08

    Also langsam frage ich mich schon… wenn ich EXTRA in ein bestimmtes Restaurant gehe, dann habe ich mir normalerweise auch was dabei gedacht. Ob mir deren Küche und so zusagt. Nein, ich muß sicher nicht alles auf deren Karte gutheißen, aber es gehört schon ein gehöriges Maß an Verzogenheit bzw. Essensunverträglichkeiten dazu, wenn ich mich mit gar nichts arrangieren kann. Und selbst wenn, dann muß ich doch die Lösung (Gehen? Anderes Gericht ausprobieren?) bei mir suchen und nicht die Leidensfähigkeit bzw. das Improvisationstalent des Restaurants fordern. Käme mir einfach nie in den Sinn. (Und ich meine hier nicht den Fall, in dem ich die Küche bitte, einen Teil eines Gerichtes durch etwas anderes auszutauschen…)

  23. limonium
    November 9th, 2009 @ 17:21

    Ich kenne mich in der Restaurantszene nicht aus. Meine Vorstellung von Spitzenrestaurants ist die, daß man dahin geht, um – im weiteren Sinn – ein Stück Kunst zu erleben. Daß man da auch kritisch ‘rangehen darf, steht ja nicht zur Diskussion. Wenn ich in die Philharmonie gehe, weil dort ein bekanntes Orchester Mahler IV spielt, dann steht mir danach gefühlt das Recht zu, den dritten Satz zu schmusig gefunden zu haben – aber nicht, stattdessen die Meistersingerouvertüre zu verlangen.

  24. Ben
    November 9th, 2009 @ 19:11

    Also gerade bei Spitzenrestaurants gehe ich mal davon aus, dass die sowohl von den Zutaten, als auch von der Zubereitung auf hohem Niveau spielen. Da weiß man, was man tut. Ob das nun jedem schmecken muss, ist mal was ganz anderes. Aber dann ist es eben nicht “nicht lecker”, sondern “es schmeckt mir nicht”. Das kann man auch gerne so sagen, wofür sollte man sich da schämen? Und beim nächsten Mal bestellt man entweder etwas anderes oder geht in ein anderes Restaurant.
    Was aber nicht geht, ist dann da Sushi haben zu wollen. WTF? Ich setz mich auch nicht in eine Pizzeria und und bestell dann ein Chicken Korma.
    Wie man darauf als Küche am besten reagiert, weiss ich auch nicht. Ich kann die Schlussfolgerung verstehen, dass das Restaurant zu einem Hotel gehörte und hier das Wohlergehen des Gastes im Mittelpunkt steht.

    Jetzt aber zu den anderen Gästen: Diese Nazi-Bande hätte ich erstmal schön angezeigt und danach rausgeschmissen. So etwas geht gar nicht!

  25. fressack
    November 9th, 2009 @ 21:34

    Kaum vorstellbar, was denen bei mir passiert wäre…

    hehe

  26. Schnick Schnack Schnuck
    November 10th, 2009 @ 06:49

    Wie haben manchmal mit der größeren Familie im Restaurant Schwierigkeiten. Mein eigentlich vegetarischer Freund isst zumindest inzwischen wieder Fisch, aber weiterhin kein Fleisch, jedoch der Freund meiner Schwester wurde nach seiner Kochlehre wieder strenger Vegetarier, und die meisten Restaurants bieten dahingehend leider immernoch zu wenig Alternativen. Da wir aber vor allem bei guten Restaurants erwarten, dass die Küche darauf eingehen kann, melden wir das direkt bei der Reservierung vorab an und werden seltenst enttäuscht. Im Gegenteil scheint man sich für diese “Fälle” dann wirklich Gedanken zu machen und die Jungs müssen sich nicht von lieblosem Salatgekräusel abspeisen lassen.

  27. Sebastian Dickhaut
    November 10th, 2009 @ 10:19

    Hui, das das ist ja wirklich kurzweilig und lehrreich hier. Vielleicht sitzen die zwei jetzt ganz zittrig vorm Computer und murmeln „Wenn wir gewusst hätten, was da alles passieret, dann hätten wir das mit Sushi gelassen.” Aber eher nicht, ich denke inzwischen auch, dass das fehlgeleitete Sternensucher waren. Und habe inzwischen auch so einen hämisch grinsenden Restaurantleiter vor Augen, der die Nummer vom nächstbesten Sushidienst wählt. Trotzdem fehlt mir das Ende der Geschichte, um zu schimpfen oder zu loben.

    Darf ich noch sagen, dass ich mich bei manchen Kommentaren hier darüber freue für mich und die Kommentatoren, dass sie nicht in so einem Dienstleistungstempel arbeiten (stell mir schon mal meine Apfelwein-Cola warm, fressack) – oder dass ich dort arbeite und sie wären meine Gäste. Ansonsten großen Dank an Herrn Paulsen für den erstklassigem Ankick hier.

    P.S.: Sushi ist gar keine Vorspeise

  28. Toastman
    November 10th, 2009 @ 15:24

    Wie es in den Wald hineinschallt… So ist meine Erfahrung, wobei es in Deutschland wirklich furchtbare Bedienungen gibt.

    PS: Sushi ist lecker.

  29. aho
    November 11th, 2009 @ 13:30

    Die Story mit Sushi kann nur in einem Hotelrestaurant passieren. Hotelmitarbeiter werden täglich wieder von neuem drauf getrimmt, den Gästen wenn möglich jeden Wunsch zu erfüllen (arbeite selbst in der Hotellerie). Ich finde, die haben toll auf einen meiner Meinung nach unverschämten Wunsch reagiert. Wenn man dem Gast natürlich den Eindruck vermittelt es wäre hausgemachtes Sushi und dann den Lieferservice anruft, dann kann’s schnell unangenehm werden.

    Und Hut ab! vor dem Maitre, der den Medienberater samt Familie rausgeschmissen hat. Ja, es ist eine private MEinung des Gastes, aber er hat sie öffentlich geäussert. “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing” geht nur bis zu einem gewissen Grad und bedeutet für mich, wenn der Gast begeistert von seinem sterbenslangweiligen Hobby erzählt, ich mich dafür begeistern muss. Der Kommentar in der Küche arbeiteten nur Neger zeugt aber von absoluter Respektlosigkeit und null Wertschätzung für die Dienstleistung, und das muss man sich nicht bieten lassen.

  30. buchstaeblich
    November 11th, 2009 @ 15:19

    Ich habe zwar nie in der Gastronomie gearbeitet, aber anderweitig schon im Zusammenhang mit Dienstleistung.

    Jemand brachte mir folgenden Satz bei:
    Der Kunde ist König – aber nicht GOTT!

  31. mutant
    November 11th, 2009 @ 15:27

    seh ich auch so. wenn mir das menu nicht schmeckt, dann kann ich das sagen, aber vorher schon maekeln ist ja unsinn. ich bin auch aus restaurants schon wieder gegangen, weil es nichts gab, was mich ansprach.

  32. susan
    November 11th, 2009 @ 21:54

    “wir sind hier nicht bei wünsch dir was, sondern bei so isses”

    dem ist eigentlich nix hinzu zu fügen.

    ich finde es im übrigen recht erstaunlich, mit welchen erwartungen ein grossteil der mitmenschen durch die weltgeschichte trabt.

    herzlichst
    susan

  33. Rob
    November 13th, 2009 @ 09:55

    Viele Landgasthöfe hier in der Gegend, die von jedem Stern weit entfernt sind, bemühen sich um Qualität und regionale Produkte, was logischerweise nur mit kleiner Speisekarte geht. Wenn Sauerbraten auf der Karte steht gibt es den, ansonsten eben nicht. Haben sich die Mittagsgäste am Sonntag über die Forellen hergemacht gibt es am Abend keine. Weder für Geld noch gute Worte, es wird auch keine “Lieferforelle” serviert. Die Wirte tun weder sich noch den Gästen einen Gefallen, wenn sie das anders handhaben. Nur wenig Gäste kommen damit nicht klar.

    Das bringt mich auf folgende Frage: was, wenn der Sushi-Besteller Testesser gewesen wäre?

  34. Herr Paulsen
    November 15th, 2009 @ 10:01

    Wau, vielen Dank für die rege Teilnahme an der Sushi-Frage, für die zahlreichen, wohldurchdachten Kommentare und Meinungen. Es lohnte die Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und ich weiß nicht wie es Ihnen geht: ich hab jetzt doch große Lust mal wieder Sushi essen zu gehen. Natürlich nur in einem Sushi-Restaurant!

  35. creezy
    November 15th, 2009 @ 14:22

    Also, ich kann verstehen, dass vielleicht nicht immer eine Speisenauswahl den Geschmack des Gastes trifft, allerdings würde ich da immer als Gast zurück treten. Bin mir im übrigen sicher, dass man in einem solchen Restaurant auch auf mich als Gast eingehen würde – und mir dann vielleicht eine Alternative anbieten könnte, die nicht auf der Karte steht, jedoch in der Küche aus Vorhandenem gezaubert werden könnte.

    Wer jedoch Sushi essen möchte, sollte soviel Anstand haben und es direkt in einem Sushi-Restaurant versuchen. Ich esse schließlich auch keine Currywurst beim Türken. Das klingt sehr abstrus, müssen Hotel-Tester gewesen sein. ,-)

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