"Die Köche und die Sterne" – die meisterhafte Dokumentation über Sterneköche und den Guide Michelin jetzt online sehen

Posted on | September 28, 2010 | 21 Comments

Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister (u.a. „Schleyer“, „Das Goebbels-Experiment“) recherchierte für seine 90-minütige Dokumentation ein ganzes Jahr lang in der Welt der Sterneköche, besuchte Restaurants und Küchenchefs in Italien (Nadia Santini, “Il Pescatore”,“Canneto sull’Oglio“), Frankreich (Yannick Alléno, “Le Meurice”), Deutschland (Sven Elverfeld, „Aqua“), Japan (Hideki Ishikawa,“Ishikawa“), Spanien (Elena und Juan Mari Arzak, “Arzak“), den USA (Jean-Georges Vongerichten, “Jean Georges“), Dänemark (René Redzepi, “Noma”) und den Niederlanden (Sergio Herman, “Oud Sluis”).

Herausgekommen ist ein meisterhafter Film, nicht weniger als die Bestimmung des Ist-Zustandes der gehobenen Küche, mitreißend, hochinteressant und bildreich.

Hachmeister zeigt mehr als den Arbeitsalltag der Spitzenköche, Serviceteams und Sommeliers weltweit, er zeigt auch den Ehrgeiz, den Druck, das Siegen und Scheitern der Chefs und ihrer Teams beim Griff nach den Sternen. Der Film führt direkt hinter die Kulissen der hohen Gastronomie, belegt in eindrucksvollen, dynamischen Bilder und starken Interviews, wie viel Disziplin, Logistik und Leistungswille es bedarf, ein Restaurant zu führen. Es gehe ihm um die “psychologische und ökonomische Wirkung” des Sterne-Kults erklärte Hachmeister gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Zumindest mich als ehemaligen Koch im Sternezirkus hat dieser Film bisweilen gänsehäutig gemacht.

Der Film erzählt auch vom Guide Michelin, jenem stetig expandierenden Restaurantführer, dessen Tester über Wohl und Weh eines Restaurants für ein Jahr entscheiden. Jean-Luc Naret, sonnengegerbter Direktor des Guide Michelin steht Rede und Antwort, alleine das eine kleine Sensation, die Firma ist ansonsten verschwiegen wie eine Auster.

Und hier wird Hachmeisters Film auch politisch, etwa wenn Fragen aufkommen, wie die nach dem genauen Unterschied zwischen zwei und drei Sternen. Wie kann es angehen, dass Spitzenköche und Restaurantkritiker gemeinsam Rene Redzepis Ausnahme-Restaurant “noma” in Kopenhagen zum Besten der Welt wählten, der Michelin aber den dritten Stern beharrlich verweigert? Warum gibt es kein Interesse an einer eigenen, skandinavischen Ausgabe, während in der Erstausgabe des Führers in Tokio gleich acht Restaurants mit drei Sternen gewürdigt wurden?

Und wie viel Sinn macht das Restaurantführer Ding überhaupt? Die kurze Szene im Film, in welcher Sternekoch Bernard Loiseau im Sarg an seinem Restaurant in Saulieu vorbei getragen wird, überrascht und ist tief ergreifend. Loiseau hatte sich nach dem Verlust zweier Punkte im Restaurantführer Gault Millau mit seinem Jagdgewehr erschossen. Mutig und richtig von Regisseur Hachmeister, auch das zu zeigen.

Die Köche und die Sterne
Dokumentation von Lutz Hachmeister, (Deutschland 2010, 90 Minuten)

Der Film hatte am vergangenen Sonntag auf ARTE Fernsehpremiere. Dankenswerter Weise zeigt ARTE den Film eine Woche lang online unter:

videos.art.tv/ (Direktlink zum Film)

Weitere Ausstrahlungstermine im Fernsehen auf ARTE sind:

Donnerstag, 30. September 2010, 15:10
Freitag, 15. Oktober 2010, 01:00

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21 Responses to “"Die Köche und die Sterne" – die meisterhafte Dokumentation über Sterneköche und den Guide Michelin jetzt online sehen”

  1. Freundin des guten Geschmacks
    September 28th, 2010 @ 07:25

    Dank Athurs Tochter, die mich aufmerksam machte, habe ich den Film gesehen. Unbedingt sehenswert!

  2. Herr Paulsen
    September 28th, 2010 @ 07:45

    Und wie hat Ihnen der Film gefallen?

  3. katha
    September 28th, 2010 @ 08:26

    habe mich seit zwei wochen auf diese doku gefreut und es keine sekunde bereut, doch noch einen fernseher zu haben. hervorragend gemacht, voller achtsamkeit, sehr realistisch und nicht ohne den nötigen biss (genau die punkte, die du erwähnst, würde ich auch nennen, z. b.: wo gibt es guides und warum?). von mir aus hätte sie doppelt so lang, ach was, fünf mal so lang dauern können. die allerletzte einstellung hat selbst mich überrascht.

  4. Claus
    September 28th, 2010 @ 08:48

    Mann, das wär´ mir glatt durch die Lappen gegangen. Danke!!!

  5. Fritz
    September 28th, 2010 @ 09:26

    Noch eine verpasste Sendung! Die letzten beiden Lanz kocht-Sendungen müssen schon sehenswert gewesen sein und die bayerischen Landfrauen interessieren mich ich auch noch.
    Danke für den Hinweis!

  6. Bleistifterin
    September 28th, 2010 @ 10:19

    Danke für den Hinweis – bin ab morgen wieder auf Netzfernsehen angewiesen, das kommt das grad recht!

  7. Sven
    September 28th, 2010 @ 10:23

    Den habe ich zufällig gesehen. Sehr beeindruckend.

  8. Toni
    September 28th, 2010 @ 10:30

    Ich hab am Sonntag durch Zufall reingezappt und bin hängen geblieben. Mir ging’s wie katha, ich hätte da noch ein paar Stunden weiter schauen können. Ich hätte allerdings gerne mehr von Japan und dafür weniger USA gesehen. Und mich hätten noch mehr Details zum Ländervergleich was Anzahl und Niveau der hochbesternten Lokale angeht interessiert.

  9. Jutta
    September 28th, 2010 @ 10:36

    Der Recorder ist schon programmiert – herzlichen Dank für den erhellenden Bericht! Vor einiger Zeit lief dort ebenfalls eine Doku über eine Meisterschaft der Pâtissiers – war das toll!

  10. Eline
    September 28th, 2010 @ 12:45

    Danke für den Hinweis, hab ich Fernsehmuffel verpasst.

    Die Frage “Und wie viel Sinn macht das Restaurantführer Ding überhaupt” möchte ich mit “Gar keinen!” beantworten.

  11. katha
    September 28th, 2010 @ 14:50

    falsch, eline. du bist nur mit deiner erfahrung darüber hinaus. aber als erste orientierung für all jene, die erst mit dieser art von fein-schmeckerei anfangen, sind restaurantführer noch immer wichtig, wenn auch nur als bessere reiseführer oder telefonbücher.

  12. Eline
    September 29th, 2010 @ 07:02

    Liebe katha,
    ich kenne leider zu viele Tester, um deren Be- und Verurteilungen ernst zu nehmen oder gar für kompetent zu halten. Ich halte mich inzwischen an Restaurantberichte von Bloggern, bei denen ich aufgrund ihrer Rezepte, Fotos weiss, dass sie kochen und schmecken können.

  13. Claus
    September 29th, 2010 @ 08:31

    Hab´s mir gestern abend angesehen. Das Beste, was ich seit langem zu diesem Thema im TV gesehen habe! Nochmal danke für den Tip.

  14. Herr Paulsen
    September 29th, 2010 @ 08:59

    Freut mich sehr, Claus und ja, stimmt, es gibt da doch nochmal einen erheblichen Unterschied zu den eher reisserischen “Kochreportagen” mancher Privatsender.

    Eline, mir gehts da wie Ihnen, wenn ich an Kathas mehrteilige “noma” Kritik-Reportage auf esskultur.at denke, wird der Restaurantführer für den Genießer mit Online-Affinität tatsächlich mehr als entbehrlich.

    Ich denke aber auch, dass die Führer Orientierungshilfen sein können. Ganz besonders für Köche selbst. Der Wille zum Wettbewerb, die Freude am Kräftemessen, liegt in der Natur des Menschen, da bieten GaultMillau und Michelin ganz einfach ein Vergleichssystem, zur Bestimmung der eigenen Leistung. Das kann auch motivierend sein, in der Reportage selbst sprechen gleich mehrere Köche von ihrem “Traum” vom ersten, bzw. dritten Stern.

    Wie sehr man sich das Urteil letztendlich zu Herzen nimmt, entscheidet jeder selbst und immer mehr Köche entscheiden sich dagegen, steigen aus dem Bewertungssystem aus. Ich bin überzeugt, dass wir beispielsweise hier in Hamburg mehr Ein-Sterne-Restaurants haben, als ausgewiesen. Diese Köche verzichten auf Ranking und Punkte, kochen aber sicher ebensogut wie ihre offiziell ausgezeichneten Kollegen und genießen ebenfalls hohes Ansehen. Ich denke Restaurantführer brauchen die, die Restaurantführer brauchen und das ist völlig in Ordnung.

  15. Bleistifterin
    September 29th, 2010 @ 20:46

    Also, habs mir grad angeschaut und fand es hochinteressant. Die unterschiedlichen Stile und Ansätze, die unterschiedlichen Köche und Küchen…und Gäste. Sehr gut reflektiert.
    Von meinem Bruder (gelernter Koch) weiß ich, dass es auch viele Köche gibt,die sogar ganz froh sind, wenn sie einen Stern wieder verlieren, weil es den Druck rausnimmt. Nicht so sehr den Druck, sein Bestes zu geben (das macht man wohl auch ohne den Guide, dafür ist man Profi -egal in welchem Beruf), als den “Stern”-Druck eine gewisse Erwartungshaltung z. B. bezüglich der Zutaten zu erfüllen. Das kam im Film ja ganz gut raus, wie *teuer* es ist, einen Stern zu erkochen und dabei wirtschaftlich zu sein – unabhängig davon, dass der Stern reziprok auch wieder Gäste bringt.
    Was ich sagen wollte: danke für den Programmtipp -ich hätte es sonst verpasst!

  16. Herr Paulsen
    Oktober 1st, 2010 @ 08:17

    Das ist irgendwie sowieso anders geworden, ich weiß noch, das war fürher jedesmal ein riesen Aufriss, wenn im Retsaurant Testeralarm ausgelöst wurde, ich habe den Eindruck dass die Köche heute da doch selbstbewusster geworden sind. Gut so.

  17. missboulette
    Oktober 2nd, 2010 @ 13:03

    Noch ein weiterer Tipp, der Lutz Hachmeister war bei Scobel; die Sendung ist wie üblich auch nochmal in der Mediathek abrufbar – auch sehr interessant!

    Scobel-Sendung vom 30.9.
    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=20624

    Danke für den Tipp, wäre sonst nicht darauf gestossen!

  18. Heldt
    Oktober 2nd, 2010 @ 22:34

    Nur so: Wiederholung ist am 16. Oktober, nicht am 15.
    Uhrzeit stimmt aber.

  19. Herr Paulsen
    Oktober 4th, 2010 @ 10:50

    Auf der ARTE+7 Seite zum Film steht Freitag 15ter…mmh.

  20. Herr Paulsen
    Oktober 4th, 2010 @ 10:51

    Klasse, vielen Dank für den Hinweis!

  21. ThomasCrown
    Oktober 4th, 2010 @ 12:39

    Ich fand die Doku interessant, aber dann doch etwas enttäuschend. Ein paar Köche weniger wären eine gute Idee gewesen. Mehr Tiefe, weniger 15sek-Statements. Nichtsdestotrotz lohnend.

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