London (4): Menü im Blue Print Café mit Jeremy Lee und Michael Smith

Posted on | Oktober 18, 2010 | 9 Comments

img_5552Jeremy Lee (Blue Print Café) und Michael Smith (The Three Chimneys)

Über die frisch gestrichene Tower Bridge queren wir die Themse, vorbei an Butlers Warf und rüber zum London Design Museum, hier findet sich das Blue Print Café. Es ist der 10.10.2010 und es treffen sich heute im Rahmen des London Restaurant Festival zwanzig der besten britischen Küchenchef (insgesamt 12 Michelin Sterne), um in zehn Londoner Restaurants gemeinsam ein Menü zu kochen.

Im Blue Print Café am Themse-Ufer begegnen sich beim 10-10-10 Projekt Michel Smith vom Restaurant The Three Chimenys auf der Isle of Skye, Schottland und Blue Print Café Küchenchef Jeremy Lee. Letztmals bitten uns dabei unsere Gastgeber von Visit London in Kooperation mit American Express zu Tisch.

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Wir werden herzlich von der jungen Serviceleiterin begrüßt und bekommen einen Tisch an der langen Fensterfront mit Blick auf Themse und Towerbridge. Zum Auftakt servieren Lee und Smith eine gekochte Schwarzwurzel in einer hauchdünnen Parmesan-Hippen-Hülle, daneben ein mürbes Salztartelette, mit kühlem Zigenjoghurt bestrichen und mit kurz ansautierten Pfifferlingen und Trompetenpfifferlingen gekrönt.

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Klare Aromen prägen den wunderbar herbstlichen Einstieg ins Menü, Hauptrolle spielen hier die Texturen, die weiche Schwarzwurzel in ihrer krossen Hülle, das mürbe Gebäck mit weicher Creme und schlozigen Pilzen.

Auch der zweite Gang lebt stark von den unterschiedlichen Texturen, vereint Blutwurst und Auster. So sehr ich Blutwurst liebe, so sehr lehne ich Austern ab, ich esse keine Austern. Ich habe die gängigen Autsernsorten probiert, die Idee der Auster erschließt sich mit nicht, ich bin durch mit dem Thema.

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Da ich aber auch Kulinariker bin, folge ich treu der Idee der Küchenchefs, führe einen Happen Blutwurst mitsamt der Auster zum Munde um zu verstehen. Das Grauen beim Kauen ist namenlos.

Die Muschelsuppe ist ein Segen, mit knackigem Staudensellerie, Porrestreifen, Fenchel, Pfahlmuscheln, Bouchot Muscheln und Venusmuscheln in einem köstlichen Sud der nicht gebunden ist. Der 2008er Chablis von William Fèvre aus dem Burgund begleitet in Vollendung.

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Auch hier zeigt sich deutlich die gemeinsame Küchenphilosophie der Köche, Lee und Smith stehen beide für beste Produkte, klare Aromen und einfache Zubereitung, das Produkt ist der Star in der Küche. Das Menü der Beiden ist insgesamt programmatisch für die New British Cuisine, die sich selbstbewusst der traditionellen Klassiker erinnert, umsichtig modernisiert, klar und einfach mit höchsten Ansprüchen an die heimischen Produkte. Klingt vertraut nach dem, was länderübergreifend die Mehrheit der Köche seit Jahren gebetsmühlenartig auf die Frage nach ihrem Kochstil antworten. Hier nimmt man den Vorsatz beim Wort.

An die gute Tradition des klassischen Sunday Roast erinnert der Hauptgang, typisch sind die Beilagen, geröstet Kartoffeln und buntes Gartengemüse, hier Möhren, gelbe Bete und Mangold zum butterzarten Reh mit Backpflaumen, kühler “Gin Sloe”-Schlehen-Sauce und einer mit Koriander perfekt aromatisierten, kräftigen Wild- Jus. Ganz groß.

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Wir trinken dazu einen 2008 er Loire Wein mit dem wunderbaren Namen In Côt We Trust von Thierry Puzelat, ein vielschichtiger, dennoch komplexer Rotwein mit vollen Beerenfrüchten und Anklängen von Tabak und Lakritz. Chapeau, Monsieur Puzelat!

Das erste Dessert dient erneut dem Lob des vermeintlich Einfachen. Unter wilden schottischen Blaeberries verbirgt sich supercremiger Zitronenjoghurt. Thats it. Thats it!

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Wir lernen unsere Tischnachbarn kennen, einen ebenso wild fotografierenden Malaysier nebst Begleitung. Es ist der Londoner Foodblogger Bellaphon und er zeigt uns die anderen drei Foodblogger im Restaurant. Wir sprechen über Foodbloggen in London und das ist dort eine so ganz und gar völlig andere Geschichte als in Deutschland, dass ich darüber zu einem späteren Zeitpunkt noch einen eigenen Beitrag schreibem möchte, ich war jedenfalls mehr als erstaunt.

Einen ersten Hinweis auf die Rolle von Foodbloggern in London, mag der Umstand liefern, dass wir zwischen den Desserts in die Küche gebeten werden: um Fotos machen zu können und Fragen zu stellen.

img_5531Michael Smith mit Küchencrew

Ich bin baff. Sprachlos macht mich aber erst das Dessert, ein warmer Pudding von luftiger Struktur, weihnachtlich in der Würzung, nach Orangenmarmelade duftend, bitter-süß mit Karamell-Noten, in einer cremigen See aus Sahne und Drambuie, einem schottischen Whiskylikör mit Heidehonig. Dram buidheach heißt der “Trank der glücklich macht”.

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Wir sind sehr glücklich.

Links:

Blue Print Café

The Three Chimenys

10-10-10 Projekt

London Restaurant Festival

Und hier gehts zu:

London (1): Gourmet Odyssey, Nahm, The Squar, Wild Honey

London (2): The Waldorf, Bohemian Lounge Bar, Tây Đô Restaurant

London (3): Covent Garden Real Food Market, Brick Lane Food Market

London (5): Báhn Mì & Phở im City Càphê

London (6): Ein Abend in Fergus Hendersons ST. John Bread & Wine

London (7): Dine with Dos Hermanos at Tayyabs & verliebt im Lexington

Comments

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9 Responses to “London (4): Menü im Blue Print Café mit Jeremy Lee und Michael Smith”

  1. Fritz
    Oktober 18th, 2010 @ 08:23

    Das vermeintlich Einfache. Weil oft verkannt ist dessen Entdeckung um so schöner!

  2. Eline
    Oktober 18th, 2010 @ 11:00

    Ich hoffe, ich kann in ca. 10 Tagen einigen eurer Spuren folgen. Du zeigst hier New British Cuisine at its best – ach, bin ich begeistert!
    Austern kann ich auch nicht essen, nicht mal aus Höflichkeit.

  3. Oliver Trific
    Oktober 18th, 2010 @ 12:20

    Ich glaub ich muss auswandern.

    Vielen Dank für diese tollen Berichte Stevan!

  4. Herr Paulsen
    Oktober 18th, 2010 @ 12:22

    Eline, das freut mich sehr und ein paar heiße Tipps habe ich noch in den kommenden Tagen!

    Musst Du nicht Oliver, Du setzt das ja bereits alles selbst im “Trific” in Perfektion um, dankenswerter Weise bei uns um die Ecke!
    Also: hiergeblieben!

  5. Petra
    Oktober 18th, 2010 @ 17:39

    Austern mit Blutwurst – du hast mein aufrichtiges Mitgefühl (ich mag schon nicht mal Blutwurst …) Ansonsten aber befällt mich beim Lesen eine Mischung aus Mitfreude und Neid. Ich habe keine Ahnung, wann ich mir so einen Trip mal leisten könnte.

  6. Herr Paulsen
    Oktober 19th, 2010 @ 06:25

    Danke Petra, fürs Mitfühlen!

    Klar muss man auf einen solchen Trip sparen, so teuer war das allerdings garnicht, der Flug hat nur 84 Euro gekosten, dafür kommt man nicht mal in der Nebensaison nach der Deutschen Lieblingsinsel Mallorca beispielsweise.

    Hotel ist etwas problematisch, da zahlt man hier gerne viel Geld für wenig Schönes. Eine Nacht waren wir ja ins Waldorf eingeladen, das ist natürlich schwerlich zu bezahlen, danach sind wir privat in einen Schuhkarton Namens Swinton eingezogen, wenn ich meinen Koffer geöffnet habe, konnte ich mich nicht mehr im Zimmer bewegen. 55 Pfund der Single Room, also in etwa das, was hier eine Übernachtung in einem Ibis Hotel kostet.

    Essen war überraschend günstig, bei Fergus Henderson gabs beispielsweise eine ganze Wachtel auf Heckenbeeren-Gelee für sagenhafte 6,50 Pfund und das Streetfood ist sowieso unschlagbar im Preis-Leistungsverhältniss.

  7. London (5): Báhn Mì & Phở im City Càphê « NutriCulinary
    Oktober 19th, 2010 @ 06:34

    […] Older » […]

  8. creezy
    Oktober 23rd, 2010 @ 14:41

    Ich bekenne mich zur Austernliebhaberin und zur Blutwurstliebhaberin. Bin allerdings nicht sicher, ob ich mich als Austernblutwurstliebhaberin outen würde …

    Das mit dem Zitronenjoghurt las sich eben wie „muss ich unbedingt haben“!

  9. Herr Paulsen
    Oktober 24th, 2010 @ 08:28

    Creezy, Ersteres ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich, während der Joghurt sehr gut geht!

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