Leben ohne Lebensmittelindustrie? – DIY für Genießer

Posted on | Januar 12, 2011 | 11 Comments

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Am 25. August 2011 startet im Museum für Kommunikation Frankfurt eine Ausstellung zum Thema DIY (Do it yourself) – aufgezeigt wird die Entwicklung der hochaktuellen Selbermachkultur, vom 19.Jahrhundert bis hin zur Web 2.0-Nutzung der Gegenwart. Ein inspirierendes DIY Blog zur Ausstellung gibt es jetzt schon, als Gastautor habe ich mir dort Gedanken zu den Möglichkeiten kulinarischer DIY gemacht, die ich hier nicht vorenthalten will:

In der Küche scheint der DIY Gedanke, die Herausforderung „Do it yourself“, zunächst absurd: wer in der Küche kocht, kocht ja schon selbst, etwas Eigenes entsteht. Einmalig und einzigartig trägt jedes Gericht die Handschrift der Köchin, des Koches. Interessant wird es aber bei einem Blick auf die Zutatenliste. Scheinbar unumgänglich finden sich auf dem Einkaufszettel, neben Obst und Gemüse, Fleisch und Fisch, immer auch Zutaten, die es nur im Lebensmittelhandel gibt. Kann man leider nur kaufen, kann man nicht selber machen.

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist mitunter sehr hoch. Über 300 E Stoffe, chemische Zusatzstoffe, künstliche Aromen und Haltbarmacher sind für die industrielle Lebensmittelherstellung zugelassen, viele sind wegen ihrer negativen Auswirkungen auf die Gesundheit zumindest umstritten und oft genug Auslöser für Allergien. Die Namen der Lebensmittelzusatzstoff-Gruppen sprechen für sich, da gibt es Komplexbildner, Schaumverhüter, Treibgase, Schutzgase, Füllstoffe und Geschmacksverstärker, um nur ein paar zu nennen. Versteckte Fette und die starke Überzuckerung industrieller Lebensmittel lässt immer mehr Menschen erkranken. Gerade bei Kindern und Jugendlichen sind Mangelernährung, Fettleibigkeit und ernährungsbedingte Zahnerkrankungen auf dem Vormarsch.

Eine Alternative wäre es, den ganzen Kram einfach stehen zu lassen. Wer kein Convenience Food kauft, also „arbeitserleichternde“ Mehrkomponenten-Essenszutaten oder Fertiggerichte, der ist schon auf einem guten Weg. Aber ist eventuell ein Leben gänzlich ohne industriell gefertigte Lebensmittel machbar? Und alltagstauglich?

Persönlich beschäftige ich mich seit ein paar Jahren Jahren intensiver mit diesem Thema und ich muss sagen: das ist wahrscheinlich machbar, macht aber Mühe. Brot zu backen, Brühen und Fonds anzusetzen, Marmeladen zu kochen, Gemüse einzuwecken, zu wursten, zu käsen…das ist schon zeitaufwendig.

Aber es ist auch seine Zeit wert und es macht großen Spaß, einen Teil seiner Freizeit damit zu verbringen. Es schärft die Sinne für die jahreszeitlichen Angebote der Natur, es ist ein großes Glück Hausgemachtes aufzutischen und zu genießen. Unbezahlbar ist das Gefühl: zu wissen was drin ist. Arbeitenden Menschen wird es nicht gelingen sich gänzlich von industriellen Lebensmitteln zu emanzipieren, aber Dogmen sind sowieso meistens wenig hilfreich und das persönliche Lebensmittel-DIY soll ja auch Spaß machen.

Wer anfängt sich dafür zu interessieren wird staunen, wie viel man selbst machen kann und wie einfach einige Dinge zu bereiten sind. Rezepte und Anleitungen finden sich in den zahlreichen Foodblogs, da gibt es einiges zu entdecken. Selbstgemachter Tomatenketchup beispielsweise, eine Anleitung zur Butterherstellung, ein gratis Brotbackbuch zum freien Download, oder meine eigene Serie zum Thema Bratwürste selber machen.

Während in großen Kochforen oft genug fehlerhafte Rezepturen fragwürdiger Herkunft per Copy/Paste unendlich vermehrt werden, stehen Foodblogger mit ihrem Namen für Qualität und akribische Rezeptarbeit, Rückfragen sind in den Komentarspalten der Blogs gern gesehen und werden überwiegend schnell beantwortet. Hilfreich bei der Suche ist die Fool for Food-Rezeptsuchmaschine mit Schwerpunkt Foodblogs.

Wer sich lieber auf dem heimischen Sofa inspirieren lässt, dem sein wärmstens das Buch „Eingemacht“ von Nick Sandler und Johnny Acton empfohlen, das 2005 im Christian Verlag erschien, das Buch ist mir mitterweile eine kulinarische DIY-Bibel geworden.

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Der Titel ist missverständlich, tatsächlich führen die Autoren allumfassend in verschiedenste Techniken der Haltbarmachung ein, liefern dazu Rezepte für Hausgemachtes wie Gepökeltes, Rauchwaren, verschiedenste Würste, Essige und Öle, selbst gemachtes Sauerkraut, Miso, Marmeladen und Chutneys…und zeigen wie eine Räucherkammer und ein Trockenofen selbst zu bauen ist. Kulinarisches DIY vom Feinsten, reich und schön bebildert.

Wer beim Einkauf von Lebensmitteln im Supermarkt mal nachdenkt, was davon eventuell selbst zu produzieren wäre und sich ab und zu ein paar Hausmacher-Kochstunden in der Küche freischaufelt, der gewinnt schnell an Lebensqualität.


DIY Blog

DIY- die Ausstellung
Museum für Kommunikation Frankfurt
25. August 2011 bis 19. Februar 2012

Comments

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11 Responses to “Leben ohne Lebensmittelindustrie? – DIY für Genießer”

  1. Ulrike
    Januar 12th, 2011 @ 13:46

    Ich habe mich 2010 dem Kochen ohne Tüte gewidmet. Ich finde es erschreckend, wie viele Leute schon beim Tütenöffnen das Gefühl haben, sie hätten etwas Eigenes produziert, anders lässt sich die steigende Zahl Tütenregalmeter nicht erklären.

    Danke für den Buchtipp!

  2. Juliane
    Januar 12th, 2011 @ 14:21

    Jetzt wollte ich mir “Eingemacht” sofort bestellen und habe dabei festgestellt, dass es nicht lieferbar ist – schade, schade… vielleicht bloggst Du ja mal was daraus??

    Viele Grüße und schöner Tag noch,
    Juliane

  3. queenofsoup
    Januar 12th, 2011 @ 15:20

    @juliane mir gings eben genauso – aber schau mal <a href="http://www.amazon.de/Preserved-Nick-Sadler/dp/1856268454/ref=ntt_at_ep_dpi_2&quot; hier auf englisch ist es lieferbar und sogar recht preiswert, finde ich.
    lg qos

  4. queenofsoup
    Januar 12th, 2011 @ 15:21

    verdammt. html wird nie meine muttersprache, pardon.

  5. Herr Paulsen
    Januar 12th, 2011 @ 15:35

    Ulrike, das war echt eine klasse Aktion!

    Juliane, hier nochmal der Link zur englischen Ausgabe auf Amazon:

    http://www.amazon.com/Preserved-Nick-Sandler/dp/1904920012

    Queenofsoup, danke für den Hinweis!

  6. Herr Paulsen
    Januar 12th, 2011 @ 15:52

    Und eben erfahre ich, eine deutsche Ausgabe gibt es noch bei Martina Olufs im Kochkontor:

    http://www.koch-kontor.de/eprise/main/Kochkontor/site/kontakt.html

    Jetzt aber hurtig:-)

  7. Susa
    Januar 13th, 2011 @ 15:21

    Zum Glück habe ich das Buch schon und es ist wirklich empfehlenswert.

    Der Aussage “Unbezahlbar ist das Gefühl: zu wissen was drin ist.” kann ich nur zustimmen. Für Blogger ist Kochen ein Hobby, wir stehen gern in der Küche. Viele tun das nicht und dafür habe ich auch volles Verständnis. Aber jeder sollte sich dafür interessieren, was er eigentlich tagtäglich zu sich nimmt. Und je intensiver man das macht, desto schneller landet man beim kulinarischen DIY – oder streicht einfach bestimmte Lebensmittel aus seinem Leben.

  8. Eline
    Januar 13th, 2011 @ 16:32

    DIY ist toll, vor allem beim Essen. Allerdings kann man mit einem Fulltimejob unmöglich alles selbst machen. Ich delegiere das Brotbacken, Marmeladekochen, Sauerkrauteinlegen, Senfrühren, Fischräuchern und Wursten, das Bierbrauen und Weinmachen gerne an Menschen, die das zwar gewerblich, aber keineswegs industriell machen.
    Und manches will ich gar nichts selbst machen und kann es auch nicht so gut wie manche kleine Manufakturen.
    Die sollte man auch unterstützen!

  9. Sebastian
    Januar 13th, 2011 @ 22:17

    Ich würde mir ja grad gerne meine Schweine und Eier selber machen, aber im dritten Stock ohne Balkon ist das so eine Sache.

  10. Fritz
    Januar 20th, 2011 @ 10:06

    Wir leben in einer arbeitsteiligen Welt und mit eigenverantwortlichem und bewusstem Handeln und Einkaufen kann man für sich viel erreichen. Stets einem BesserEsser-Anspruch zu folgen ist mir zu dogmatisch und zum bewussten Handeln gehören für mich auch bewusste “kleine Sünden”.

  11. Herr Paulsen
    Januar 20th, 2011 @ 10:23

    Im Endeffekt entscheidet jeder selbst wie sich zu Ernähren und wieviel von was und woher, dabei spielen natürlich Zeit, Geld, Möglichkeiten, Lust und Laune eine Rolle. Es gilt, den eigenen Weg zu finden.

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