Das Geständnis: ich habe Ekelfleisch gekauft

Posted on | März 6, 2011 | 18 Comments

Hack

„Och büüüüte!“, die vorgeschobene Schmolllippe der Liebsten kann ich sogar durch das Telefon sehen. Diese Schmolllippe, auch Schippe genannt, ist ihre stärkste Waffe zur Durchsetzung des eigenen Willens und ich nick ergeben: „Gut. Also. Spaghetti Bolognese heute Abend“. Begeisterung tönt aus dem Smartphone.

Ein Blick auf die Uhr, 18:30 Uhr. Der Metzger hat seit einer halben Stunde Feierabend, da ist er preußisch und außerdem im Verein zur Erhaltung der Mittagspause (2,5 Stunden) – für hart arbeitende Menschen hält mein Metzger ein nur sehr kleines Zeitfenster geöffnet und das ist jetzt zu. Ich gehe zum Supermarkt.

Kurz vor sieben, gähnende leeren im gläsernen Kühlschrank mit dem abgepackten Biofleisch, an dem ich sonst immer mit großer Skeptik und ungläubigem Kopfschütteln vorbei zu gehen pflege. Nebenan ist noch alles da, das gesamte Sortiment eine von der Handelskette erdachten Fantasiemetzgerei leuchtet rot unter vorteilhaft gesetztem Licht. Da leuchtet auch Hackfleisch, gemischt und in Locken gelegt wie eine Dauerwelle, der Aufkleber auf der milchigen Plastikverpackung verspricht 500 g Hackfleisch für 2,99 Euro. Gott steh uns bei.

Ich denke an die Liebste und an die Schippe und daran, dass Liebe manchmal auch Aufopferung fordert. Ich sehe mich kurz um, nehme das Diskounter-Hack aus dem Kühlschrank und schlendere unauffällig zur Kasse. In der Schlange wartend, denke ich über Massentierhaltung nach. Ich weiß da eine Menge drüber und darum bemerke ich auch erst nicht wer da vor mir steht, zwischen uns nur noch eine ältere Dame: in der Schlange steht die bekannte Bloggerin L.! Verdammt!

Noch hat L. mich (und das Ekelfleisch) nicht gesehen, ich gehe hinter der älteren Dame in Deckung. Nachdenken. Wenn L. mich und die heiße Ware jetzt entdeckt, ist alles aus. Ich sehe schon die Schlagzeile in ihrem Blog, auf Facebook und Twitter:

„Scheinheilig! – NutriCulinary-Prediger Paulsen unterstützt privat die Ekelfleisch-Industrie. Hat der Teilzeitvegetarier uns alle jahrelang belogen?“

Verdammt, das kann ich nicht zulassen. Das Werk von Jahren ist in Gefahr, alles, was ich mir mühsam aufgebaut habe, droht zu fallen, nur wegen eines Hackfleischgerichts! Langsam robbe ich auf allen Vieren rückwärts hinter ein Regal mit Haushaltsartikeln und aus dem Gesichtsfeld der vielgelesenen Bloggerin. Zwanzig Minuten kauere ich hinter dem Regal, das Hackfleisch fest an mich gepresst.

Endlich hat L. den Laden verlassen! Nach dem Bezahlen lasse ich das Hack schnell in die Tasche verschwinden. Draußen steht L. und unterhält sich mit dem Strassenmagazin-Verkäufer, sie grüßt mich freundlich, ich nicke knapp und flüchte, Geschäftigkeit und Termindruck vorgaukelnd – hat L. nicht eben so seltsam auf meine Tasche gekuckt?

Das war vor sechs Wochen. Seitdem lebe ich mit der Lüge und es kann so nicht weiter gehen. Liebe Leserinnen und Leser, es ist wahr und ich oute mich heute und hier: ich habe Ekelfleisch gekauft! Dieses Geständnis-es ist der schmerzlichste Schritt meines Lebens. Ich gehe ihn nicht allein wegen meines so fehlerhaften Hackfleischkaufes – wiewohl ich verstehe, dass dies für große Teile der Foodblogger ein Anlass wäre. Ich war immer bereit für Biofleisch zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.

Für eine nachkommende Generation fordere ich, dass aus meinem persönlichen Fehlverhalten resultierend, zum Wohle aller Menschen in diesem Land die Öffnungszeiten für Metzgereien den gängigen Ladenöffnungszeiten angepasst werden. Dann wäre mein Hackfleisch-RückFehltritt zumindest nicht umsonst.

Comments

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18 Responses to “Das Geständnis: ich habe Ekelfleisch gekauft”

  1. Not quite like Beethoven
    März 6th, 2011 @ 12:27

    Und die L.? Wie steht sie zu dieser Geschichte? :-)

  2. Herr Paulsen
    März 6th, 2011 @ 12:54

    Das gilt es jetzt noch herauszufinden!

  3. zorra
    März 6th, 2011 @ 13:59

    Und wie hat es denn geschmeckt? Eklig? ;-)

  4. Margit Kunzke
    März 6th, 2011 @ 14:01

    Halb so schlimm, das Geständnis…und sehr nett geschrieben :-) ))..auch wenn ich mich niemals überwinden könnte, dieses lockige, abgepackte eklige Hackfleisch zu kaufen…dann gäb’s trotz Schippe ;-) Spaghetti aglio olio e peperoncino mit ein paar knusprig frittierten Salbeiblättern ;-)

  5. Sabine
    März 6th, 2011 @ 16:31

    Bei einer solch schönen Geschichte kann selbst die bekannte Bloggerin L. doch nur Verständnis zeigen, oder?
    Ich bin jedoch auch wie Zorra daran interessiert, wie denn nun der sensorische Test ausfiel.

  6. Arthurs Tochter
    März 6th, 2011 @ 17:06

    Noch viel verwerflicher als die Tatsache des Kaufes von Ekelfleisch finde ich Dein Zeitfenster. Es war 18.30 h zum Zeitpunkt des Kaufes. Großzügige 30 Minuten berechnet bis zum
    kochenden Loslegen am heimischen Herd, 30 Minuten bis zum vollständigen Zusammenrühren aller Zutaten plus die obligatorischen 6 Stunden, die eine gute Bolognese braucht- wann bitte habt ihr gegessen???
    ;) )

  7. AndreasP
    März 6th, 2011 @ 18:06

    Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Ich würde einem Koch nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war. Mich würde die Einschätzung eines Psychologen interessieren.

    Aber vielleicht, Herr Paulsen, kann Ihr Verhalten jetzt sogar beispielgebend wirken für Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

    Mal sehen, wieviel tausend Mitglieder die Facebookgruppen “Gegen die Jagd auf Herrn Paulsen” und “Wir wollen Herrn Paulsen zurück” schon haben.

  8. Herr Paulsen
    März 6th, 2011 @ 18:35

    Zorra, Sabine, die Tomatensauce warf gegen Ende ein würziges Decklmäntelchen übers Billigfleisch, geschmacklich ging das, aber der Wasserfluss beim Braten war doch beachtlich und sehr unappetitlich.

    Schöne Idee Margit, nur: wenn die Liebste Bolognese bestellt, kann ich sie nicht mit Spaghetti aglio olio e peperoncino enttäuschen!

    Sehr guter Einwurf, Astrid: es handelte sich um eine Blitz-Bolognese, auch Kinder-Bolognese genannt und die ist eher schlicht tomatiger Natur, es ist auch kein Wein drin: fein gehackte, getrocknete Tomaten, Knoblauch, Zwiebeln und Dosentomaten schmürgeln mit dem gebratenen Fleisch und einem Rosmarinzweig in kurzer Zeit zur satten Sauce, ein “Ragù alla bolognese” ist das natürlich nicht.

    Andreas, besonders auf die Demos freue ich mich persönlich schon sehr!

  9. kuechentipps.de
    März 7th, 2011 @ 10:59

    Herr Paulsen, ich wäre jemand von der Sorte, der seiner Liebsten gesagt hätte: “Tut mir Leid, Hackfleisch war zu so später Zeit schon ausverkauft. Dafür gibt es Spaghetti aglio olio e peperoncino und ich habe noch einen passenden zauberhaften Wein gefunden. Oder willst Du den ausschlagen?”

  10. Herr Paulsen
    März 7th, 2011 @ 11:07

    Das stimmt natürlich! Wir hätten uns den Rezepturwechsel schöntrinken können:-)

  11. Mike
    März 7th, 2011 @ 14:29

    Dieses Bolognese- und Ekelfleischproblem habe ich eher selten, da der Vorrat an Bolognese ziemlich üppig ist: http://olivenoelblog.com/lycopin-junkie-auf-bolognese/
    Die köchelt dann bei mir auch schon mal über Nacht. Meistens nehme ich auch gemischtes Hackfleisch vom Metzger meines Vertrauens, wenn ich aber ein Achtel Rind vom Bioland-Vertrieb bekommen kann, dann werfe ich den Fleischwolf an. Die unter Schutzatmosphäre verpackten Fleichprodukte meide ich wie der Teufel das Weihwasser.

  12. Sebastian
    März 7th, 2011 @ 22:26

    Du weißt ja, wann die guten Metzger aufstehen… um 18.30 gehen die schon wieder ins Bett.

    Außerdem haben wir uns hier keinen vegetarischen Assistenten berufen.

  13. HHmyPearl
    März 7th, 2011 @ 23:50

    Ich stand im Laden hinter Dir. Hatte nur Mitleid. Und, wat kann die Omma dafür?

  14. Herr Paulsen
    März 8th, 2011 @ 07:21

    Mike, Vorkochen ist natürlich der Knüller über den es nach diesem Ausrutscher ernsthaft nachzudenken gilt. Allerdings ohne Schinkenstreifen-Sahne-Variationen!

    Ja Sebastian, ich weiß und ich frag mich immer: was machen die da so früh am morgen!

    HHmyPearl, danke für Deine Verschwiegenheit.

  15. Mike
    März 8th, 2011 @ 16:53

    Herr Paulsen, die Schinkenstreifen-Sahne-Variation (hatte ich die Ersen erwähnt?) stammt, ungelogen, von einem waschechten Italiener aus der Gegend von Rom. War der Renner in einem italienischen Lokal in Bad Harzburg.

  16. Kaffeebohne
    März 12th, 2011 @ 10:09

    Hallo Paulsen, da tun sich ja Abgründe auf. Ich habe meist schon ein schlechtes Gewissen, wenn ich beim Supermarktmetzger anstatt beim Bio-Metzger einkaufen gehe. Aber abgepackt, das geht ja gar nicht.
    Aber mit Steinen werfen steht mir diese Woche nicht zu. Ich esse bedingt durch eine Zahnbehandlung die zweite Woche nur Suppe und habe meinen Kindern (auf deren Wunsch) ein Brathähnchen am Imbißwagen gekauft. Da ich aber keine stadtbekannte Bloggerin bin, mußte ich mich nicht verstecken.
    LG Katja

  17. Herr Paulsen
    März 15th, 2011 @ 08:18

    Man soll sich nicht verrückt machen, denke ich. Abgepacktes Hack ist allerdings tatsächlich ganz unten:-)

  18. Arnonym
    April 3rd, 2011 @ 20:01

    Längere Öffnungszeiten beim Metzger/Fleischer sind ja schön und gut. Aber wenn die Bedienung schon tagsüber die Frage nach Rindfleisch nur mit einem großen Fragezeichen beantwortet, abends sowieso nur noch die Wurst aus dem Glas da ist und jeder größere (dh. mehr als 2 Personen) Braten Wochen vorher geplant und vor allem bestellt werden soll…
    Da bringt es auch nix wenn ich statt bis 18 Uhr jetzt bis 20 Uhr das nicht kaufen kann, was ich eigentlich gerne hätte…

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