Wein nach Gefühl bestellen – geht das? Ein Selbstversuch.

Posted on | Januar 11, 2012 | 8 Comments

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Wer nicht “in der großen Stadt” lebt (und das trifft auf einen Großteil der Bevölkerung Deutschlands zu), kommt nur schwerlich in den Genuss einer individuellen Rundum-Betreuung durch den persönlichen Berater vom Weinladen nebenan. Im Internet finden neugierige Weinfreunde dann eine imposante Zahl meist unpersönlicher Online-Weinshops, die mit fitzeligen Fotos und knappen Kurzbeschreibungen für ihr Weinangebot werben, jede Flasche ein Jahrhundertereignis natürlich, dem Wein-Laien (und dazu zähle auch ich mich, ohne jede Koketterie) bleibt in solchen Fällen online nur die Kaufentscheidung über den Preis oder der Rat von Freunden.

Neue Wege geht da das Internet-Weinhandelsprojekt Wein wenn Du kannst. Der in seiner Doppeldeutigkeit schon sehr schräge Claim will als Aufforderung verstanden sein, sich bei der Weinauswahl ganz auf sein Gefühl zu verlassen und das im Wortsinn: bei Wein wenn Du kannst sind die Weine nach Emotionen sortiert.

Hinter dem Angebot steht das Traditionsweinhaus Friedrich Kroté aus Koblenz, verantwortlich für Angebot und Weinauswahl sind Claus Conzen und Max Schwarz. „Wir finden, guter Wein braucht keine große Show und keine angestaubten Worte. Er sollte einfach zu dem Menschen passen, der ihn trinkt. Dich dort abholen, wo du im Leben gerade stehst.“, erklären beide auf der Internetseite. Von Respekt über Leidenschaft, bis hin zu Kraft, Mut und Gelassenheit – zu insgesamt zwölf Gefühlen findet sich im Shop eine Auswahl von Weinen, kleine Filme in denen verschiedene Menschen kurze, persönliche Geschichten erzählen, führen in die jeweilige Gefühlswelt ein.

Aber klappt das? Wein “nach Gefühl“ kaufen und genießen?

Ich habs dann einfach mal ausprobiert und drei Flaschen Wein “nach Gefühl” bestellt: einmal Liebe (weil es alles ist was man braucht), einmal Begeisterung (ich lasse mich sehr gerne begeistern) und einmal Vertrauen (eine der größeren Herausforderung, beim Weinkauf wie im Leben).

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Bei der Liebe fällt die Wahl natürlich auf einen Wein der die Liebe sogar schon im Namen trägt, der 2010er Saint Amour, ein Cru du Beaujolais »Séléction de la Hante«, vom Château de Chénas, Rhône (Einzelflasche 9,95 €). Ein schöner Rotwein, frisch und leicht auf den ersten Blick und ersten Schluck, dann überzeugt er mit überraschender Tiefe und Würzigkeit, reift im Glas und wird immer mehr zum großen Vergnügen. Auch die herbeigerufene Liebste war angetan, ein Rotwein für beide, das ist selten bei uns. Treffer.

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Aus „Begeisterung“ hab ich den 2011er Riesling Blauschiefer, trocken, vom Weingut Kerpen in Bernkastel-Wehlen bestellt (Einzelflasche 7,60 €) und weil ich nicht in die Wortspiehölle will, spar ich mir den so trefflichen wie naheliegenden Kurzkommentar. Ich hatte jedenfalls das große Vergnügen, diesen Wein am Wochenende zu einem Wiener Schnitzel mit Wasabi-Gurkensalat zu trinken, noch besser einen Tag später zum klassischen Blanquette de veau mit karamelisierten Möhren. Sie ahnen es: gutes Kalbfleisch war uns in die Hände gefallen und der Wein dazu eine Offenbarung.

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Die vertrauenserweckende Maßnahme im Karton: der 2006er Haut-Médoc
»La Fagotte« vom Château d’Aurilhac (Einzelflasche 10,50 €). Ich wurde nicht entäuscht. Ein Knaller. Ne Wuchtbrumme. Ne Bank.

Das scheint also tatsächlich zu funktionieren, mit der Bestellung nach Gefühl – und sei es auch nur dem guten Gefühl von Conzen und Schwarz bei der Zusammenstellung der Weinauswahl geschuldet. Im Shop selbst gefallen die Texte zu den Weinen, die vielfach weit mehr bieten als die übliche Aufzählung von Aromen und von Kennerschaft und Begeisterung für die Weine zeugen. Abgerundet wird das Angebot durch ein umfangreiches Weinglossar.

Neben dem Einzelflaschen-Angebot, werden auch Probier- Abo- und Geschenkpakete angeboten, die Flaschen kommen allesamt mit hübscher Emotions-Schlaufe (s.o.) und es ist somit möglich, auch mal “eine Kiste Mut” zu verschenken, sehr schöne Idee, finde ich.

Wie jedes anständige StartUp ist Wein wenn Du kannst auch im Social Media Bereich engagiert, auf Facebook gibt es immer wieder sehr kundenfreundliche Rabatte und Gewinnspiele.

Das Beste aber zum Schluss: Wein wenn Du kannst leistet sich ein eigenes, bis auf zwei Seiten-Banner komplett werbefreies Wein- und Foodblog! Für das neue Glasklare Gefühle-Blog, konnte Torsten Goffin aka Marqueee gewonnen werden – für mich auch schon mit seinem Haus- und Heimat-Blog Allem Anfang… einer der interessantesten und lesenswertesten Foodblogger im deutschsprachigen Raum. Kein Grund zum Heulen also bei Wein wenn Du kannst.

Comments

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8 Responses to “Wein nach Gefühl bestellen – geht das? Ein Selbstversuch.”

  1. Anke
    Januar 11th, 2012 @ 09:26

    Weblogs, doo. Erstmal vier Flaschen bestellt.

  2. Herr Paulsen
    Januar 11th, 2012 @ 09:33

    Lass hören Anke, wenn die Korken gezogen wurden!

  3. Eline
    Januar 11th, 2012 @ 10:14

    Ich gehöre wohl einer anderen Zielgruppe an und würde Wein nie so kaufen. Da wir alle – und das ist gut so – uns für Unterschiedliches begeistern, Andere/s lieben und Vertrauen unterschiedlich schenken, kann das nicht wirklich funktionieren. Auch wenn die Weine gut sind. Aber es ist ein guter Werbegag!

  4. Too much information - Papierkorb - Guten Morgen
    Januar 11th, 2012 @ 10:22

    […] Herr Paulsen geht der Frage nach, ob man geschmackvollen Wein auch nach Gefühl kaufen kann. […]

  5. Liebe, Vertrauen, Begeisterung… | Glasklare Gefühle
    Januar 11th, 2012 @ 23:34

    […] Weine meines Gastgebers hier probiert. Eben zu dem Emotionen Liebe, Vertrauen und Begeisterung. Und er hat darüber geschrieben. Und bei der Gelegenheit hat er nicht nur lobenden Worte über die Weine verloren, sondern auch […]

  6. webicus
    Januar 12th, 2012 @ 19:09

    Bei „Wuchtbrumme“ kam mir sofort der Klassiker von Axel Hacke in den Sinne:
    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=NA3Zt_LYOUo

  7. Herr Paulsen
    Januar 13th, 2012 @ 08:37

    Schön!

  8. Jacob
    Januar 15th, 2012 @ 12:24

    Nette Idee.
    Leider jedoch unseriös umgesetzt, da bei der Weinbeschriebung alles mögliche aufgeführt wird, jedoch der Winzer/Hersteller vergessen wurde.
    Das geht leider gar nicht.

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