Das kulinarische Gedicht (5): Hartmut Pospiech “Marzipankartoffeln”

Posted on | Januar 13, 2012 | 3 Comments

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Der Schriftsteller und Literaturveranstalter Hartmut Pospiech gehört zu jenen Menschen, die mich nachhaltig für Literatur begeistert haben, als Mitveranstalter und Moderator der Hamburger Live-Literatur-Formate “Machtclub” und “Hamburg Slamburg” holte und holt er ungezählte, inspirierende Schriftsteller, Autoren und Dichter in die Stadt, bot vielen jungen Talenten sehr früh eine Bühne um eigene Texte auszuprobieren.

Hartmut Pospiech ist auch selbst ein großer Geschichtenerzähler und Lyriker, der jetzt vorliegende Band „Männer. Frauen. Essen“ versammelt eine Auswahl seiner Spoken Word-Texte und Gedichte, von denen viele bislang nur in Anthologien oder Zeitschriften zugänglich waren. Neben Texten wie “Marzipankartoffeln” und “Last Night A Kebab Saved My Life” enthält er auch auch bisher unveröffentlichte Gedichte und Texte für Team-Auftritte beim Poetry Slam.

Marzipankartoffeln

Ich sammle Kalorien,
wie andere Menschen Kunst,
von allen Künstlern ist mir
Joseph Beuys der Liebste;
wegen des Fetts,
in Ecken und in Badewannen
Ich habe seine Lehre ernst genommen
und erst zur Konsequenz gebracht
Denn anders als die
Kalorien-Dilettanten
bin ich ein Kunstwerk.
Schon sechsunddreißig Jahre
freß ich.
Laß keine Mahlzeit aus,
kein Häppchen wird mir schlecht.
An keinem Imbiß,
an keiner Süßigkeit geh’ ich vorbei.
Kein neuer Werbespot für Essen,
der mich nicht augenblicklich
an die Regale treibt.
Und die Belohnung für dies harte Schaffen
ist ein Meisterwerk:
mein Körper,
den Kunst und Wissenschaft
und Marketing in seltner Eintracht
erst erschaffen haben.
In jedem Winkel meines Körpers
find’ ich Fett.
Nicht Muskeln, Knochen, Knorpel,
sondern: Fett,
die Krone höchster Schöpfungskraft.
Mein Fett ist eine Zeitmaschine für Gefühle,
ein Kaffeefilter voll mit Aromaporen,
die Wut in Ärger
und Ärger in Gelassenheit verwandeln.
Mein Fett ist eine Spaßrakete,
das neue Synonym für Glück.
Und Harmonie.
Schon oft gefilmt,
auf Video gebannt,
gedruckt,
für Menschen, meist in Afrika,
damit sie schon
die Zukunft schauen können,
den neuen Weltengeist.
Die Utopie für tausend neue Jahre
Doch lebe ich zugleich als Mönch
denn nur dem Essen weihte ich mein Dasein
und schwor dem schnöden Alltag ab.
Ich schaue jetzt,
wem ich vertraue.
Menschen verderben leicht,
mein Essen nicht.
Denn Schokolade lügt nicht,
heuchelt nicht,
ist niemals launisch.
Der Grünkohl hat niemals
etwas andres vor
als nur darauf zu warten,
daß ich ihn esse.
Er lädt sich gerne Wurst noch ein,
aus der das Fett spritzt
– gezeichnet: Joseph Beuys –
und Bier
und Schnaps.
Dann feiern wir
bis morgen.
Schon heute warten hundert in der Frühe
an meiner Tür.
Nur um den Zipfel meines Rocks zu küssen,
wenn ich zum Brötchenholen fahr.
Von meinem Haus,
das ein Menü aus dicken Ziegeln,
fetten Balken und Fenstern schwer wie Lebertran,
führt mich ein Wagen
mit verstärkten Achsen
zur Arbeit,
ins Fernsehstudio,
wo täglich ich von zwölf bis eins,
vor allem aber live und ungeschnitten esse.
Danach zum Mittag und dann –
der Rest des Tages –
Wohlfahrt:
Ich ess umsonst für Waisenkinder;
Vermarktung:
Ich ess für teures Geld Produkte,
die der Verbraucher sonst nicht kauft;
Glauben:
Ich ess Oblaten für das Seelenheil der Christen,
denen wohl sonst nicht mehr zu helfen ist;
und Subventionen:
Zweimal pro Woche ess ich vom Butterberg,
was niemand sonst vermag.
Ich gebe zu,
ich keuche manchmal
an der Last.
Tagaus, tagein
nur Kunst zu sein,
ist gar nicht leicht.
Wie schnell einmal die Lust verloren
und schon fünf Kilo weniger.
Das zehrt schon an der Kondition,
doch niemals lange,
denn der Schöpfer gab mir Appetit,
wo andere nur Hunger haben.

So fand ich schon zur Lebenszeit
ein stilles Glück
und keinen Wunsch, der unerfüllt geblieben.
Nur einen:

Wüßte ich,
ich müßte
eines schönen Tages sterben,
dann würd’ ich gerne überrollt
von reißenden Lawinen
aus Marzipankartoffeln:
Im letzten Augenblick noch mal
den Mund zu voll genommen,
das wär’ mein schönstes Epitaph.

Hartmut Pospiech

Hartmut Pospiech wurde 1962 in Rahden/Westfalen geboren. Nach seinem Studium der Anglistik und Amerikanistik arbeitete er zunächst am Englischen Seminar der Uni Hamburg und als TV-Journalist. Seit Mitte der Neunziger mischt er in der Hamburger Literaturszene mit: als Autor oder als Mitveranstalter der legendären “Machtclubs“, er moderiert den ältesten Hamburger Poetry Slam und ist Geschäftsführer des Autorenraums “writers’ room“. 2008 erhielt er den Hamburger Förderpreis für Literatur. Daneben begutachtet er als freier Drehbuchlektor Filmskripte, u.a. für „Drei“ (Tom Tykwer).

Mehr über Hartmut Pospiech auf: www.hartmutpospiech.de

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3 Responses to “Das kulinarische Gedicht (5): Hartmut Pospiech “Marzipankartoffeln””

  1. Penelope
    Januar 13th, 2012 @ 11:16

    *~* Zauberhaft!

  2. Deutschland ein Wintermärchen – Einfach ein schönes Leben
    Januar 13th, 2012 @ 17:46

    [...] bring uns ein Novembergedicht näher, 180 Grad versucht sich an “Dinner for four” und Stevan ist sowieso der kochende Literaturpapst und beglückt uns immer wieder mit kulinarischen [...]

  3. Ein Ostwestfale, Hamburg und Marzipankartoffeln | Living in OWL
    Januar 14th, 2012 @ 17:19

    [...] in der Hamburger Literaturszene richtig einzuordnen. Köstlich das kulinarische Gedicht „Marzipankartoffeln„, dem NutriCulinary Raum widmet. An Kochsternen ist OWL zwar bis auf das Paderborner [...]

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