Birds of luck & extra money – meine Begegnung mit Harry Belanfonte (1988)

Posted on | März 31, 2012 | 8 Comments

Bundesarchiv Bild 183-1983-1025-052, Berlin, Konzert mit Harry Belfonte

Am vergangenen Freitag stellte Harry Belafonte seine eben erschienene Autobiographie “My Song” in Hamburg vor, ich konnte leider nicht dabei sein. Ich traf Harry Belafonte allerdings schon mal Ende der achtziger Jahre, ich war Kochlehrling und Harry Belafonte mit seiner Band in unserem Hotel abgestiegen. Eine Erinnerung:

Es ist nicht schön, Morgens um Drei aufzustehen, um eine halbe Stunde später tonnenschwere Koffer in einen Tourbus zu schleppen, doch wir sind ein kleiner Familienbetrieb, da werden Kochlehrlinge schon mal zu Kofferträgern und an diesem Morgen sind es die Koffer von Harry Belafonte, nebst Gattin und Begleitband. Ich bin mit Herrn Belafonte aufgewachsen, die Ufer seines island in the sun reichten bis in die kleine Studentenwohnung meiner Eltern und ich musste immer sehr lachen wenn meine Mutter rhythmisch den Staubsauger schwang: „Ma-(vor)-tilda-(zurück)-Ma-(vor)-tilda-(zurück)“, bei der Zeile: she take me money and run Venezuela, rannte sie dann entfesselt auf und nieder und schon war die Bude gesaugt. Das beeindruckt Kinder, Harry Belafonte fand ich gut.

15 Jahre später stapfe ich also durch den Schnee in Richtung Hotel, pfeife Jump in the Line und bin gespannt auf Mr. Belafonte. Jump in the Line ist gerade mal wieder ein großer Hit, ebenso der Banana Boat Song, beide feiern ein Revival auf dem Soundtrack des „Beetle Juice“-Films von Tim Burton, der gerade in den Kinos läuft. Es ist 1988 und wir tanzen zu Harry Belafonte in der Disko. Im Hotel angekommen schnappe ich mir sofort den Zimmerschlüssel des Ehepaares Belafonte. Ich bin enttäuscht, unbewohnt wirkt das Zimmer, das Bett ist gemacht, die Koffer stehen, nach Größe sortiert, vor der Garderobe. Wesentlich lustiger muss die Nacht wohl für die, wesentlich jüngeren Musiker von Belafontes Begleitband verlaufen sein: die Luft in sämtlichen Zimmern riecht süßlich, überquellende Aschenbecher, leere Flaschen, Rock´n Roll. Die Seniorchefin des Hauses inspiziert mit mürrischer Mine die Bettlaken der Musiker, wird fündig und grantelt:”herrjeh, dia Schbermaflecka ganged immer so schlecht naus.”

Kein Wunder also, dass die gutgelaunten Musiker schon Morgens um Vier das Frühstückszimmer mit einem wunderschönen, mehrstimmigen Gesang erfüllen. Die Koffer noch in der Hand, stehen wir Lehrlinge in der Flügeltür zum Raum und lauschen, staunend. Harry Belafonte bemerkt uns, er steht auf, kommt lächelnd auf uns zu, eine große Papiertüte in der Hand und ich kann es kaum glauben, er sieht genau so aus, wie auf den Covern, der zwanzig Jahre alten Platten meiner Mutter. Jedem von uns gibt er die Hand, kräftig und weich zugleich, und jedem von uns stellt er sich vor: “Hi, I´m Harry Belafonte.”

Dann faltet er sorgfältig die braune Papiertüte auf und spricht dabei weiter: “Thanks for your wonderful job, I know ist hard to get outta bed that early”, er entnimmt der Tüte vier winzig-kleine, buntgefiederte Vögel, für jeden einen, “it´s a bird of luck, it´s caribbean handcraft, it will bring you luck!”
Verlegen starren wir auf unser Geschenk, ein Vogel von Herrn Belafonte, das ist doch schon mal was, ein wenig Trinkgeld wäre auch gut gewesen, aber was soll es: “thank you”. Belafonte lächelt, sehr breit, entblößt seine Zähne und greift in die Taschen seine eleganten Bundfaltenhose: “You know what? Do not only trust in birds of luck, here´s something to help you on your way to real luck.”, jedem von uns überreicht er augenzwinkernd eine gefalteten Fünfzigmarkschein, “thank you again!”. Er geht zurück zum Frühstückstisch und bestellt noch einen Kaffee.

TV-TIPP: NDR Kulturjournal: Julia Westlake trifft Harry Belafonte, am 02.04.2012 um 22.45 Uhr

Comments

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8 Responses to “Birds of luck & extra money – meine Begegnung mit Harry Belanfonte (1988)”

  1. Projektmanagerin
    März 31st, 2012 @ 15:15

    Und jetzt bin ich zum ersten Mal, seit ich dieses Blog lese, wirklich richtig neidisch.
    Ich kannte natürlich Harry Belafonte wegen seiner Musik, aber erst kürzlich wurde mir klar, was er als politischer Aktivist geleistet hat.
    Mordsrespekt vor dem Mann! Würde ihm gerne mal die Hand schütteln.
    Plus: wow: fünfzig Mark Trinkgeld. Nicht übel!

  2. Herr Paulsen
    März 31st, 2012 @ 15:19

    Absolut und ja, es war damals wirklich ein Vermögen für uns, das Lehrlingsgehalt betrug seinerzeit 280 DM im ersten Ausbildungsjahr.

  3. is a blog» Blogarchiv » Geständnis
    April 1st, 2012 @ 00:26

    […] Noch eine schöne Geschichte: Herr Paulsen hat ihn mal getroffen. […]

  4. Angus
    April 1st, 2012 @ 18:32

    Oh mein Gott!!!! Wie geil ist der Typ denn??? Ich nehme mir vor, auch ein bisschen so zu werden.

  5. kopfuessler
    April 12th, 2012 @ 12:41

    Du machst mich schmachten! Toll auch das von Frau Gagag verlinkte Aufeinandertreffen von Fuchsberger und Belafonte: http://gaga.twoday.net/stories/96988669/

  6. Herr Paulsen
    April 12th, 2012 @ 17:07

    Wunderbar, vielen Dank für den Link!

  7. Torsten
    April 19th, 2012 @ 13:24

    Hast du den Vogel noch?

  8. Herr Paulsen
    April 20th, 2012 @ 10:35

    Leider bei einem der insgesamt sieben Umzügen in meinem weiteren Leben verschütt gegangen!

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