„Echt griechisch!“ – ein Gespräch mit der Fotografin und Kochbuchautorin Elissavet Patrikiou

Posted on | Juli 23, 2012 | 10 Comments

In der Griechenland-Abteilung meiner Kochbuchsammlung fand sich bislang überwiegend folkloristischer Küchenkitsch für Touristen. Im Frühjahr erschien mit „Echt griechisch!“ im Christian Verlag ein Koch- und Lesebuch, das so ganz anders ist: authentisch, bild- und lehrreich, textstark und vor allem: sehr persönlich. Mit der Autorin und Fotografin Elissavet Patrikiou sprach ich über die griechische Küche, das Missverständnis mit den Fleischbergen, die Renaissance griechischer Weine und echte Lämmer.

Elissavet, was macht sie aus, die echt griechische Küche?

Ganz viel Gemüse, wir essen hauptsächlich Gemüse, meine Mutter beispielsweise lebt durch ihren Glauben und die Fastenzeiten der Griechisch-Orthodoxen Kirche rund ein Drittel des Jahres sogar vegan, da wird sehr radikal auf alle tierischen Produkte verzichtet. Es war mir auch ein Anliegen, den Menschen zu zeigen, dass wir nicht nur Fleischberge essen, fettig und ölig, sondern dass wir unglaublich viel mit Gemüse kochen.

Die Fleischberge sind ein großes Missverständnis. Was denkst Du, woher kommt das eigentlich?

Ja, leider, leider, weil es viele griechische Restaurants nicht hinbekommen, original zu kochen. Ich glaube es liegt daran: in den 60er Jahren war in Deutschland das große Fressen angesagt und genau zu dieser Zeit haben die ganzen Italiener, Griechen und Spanier hier die ersten Restaurants aufgemacht. Und die Deutschen sind da hin, weil sie viel bekommen haben und auch viel Fleisch. Und die Griechen haben, meiner Meinung nach, verpasst, dass sich das Essverhalten der Deutschen innerhalb einiger Jahrzehnte verändert hat, dass es nicht mehr darum geht, viel zum kleinen Preis zu bekommen, sondern ich möchte gutes Essen, gute Qualität, frische Zutaten. Das haben viele Nationalitäten mitbekommen- viele Griechen leider nicht.

Du bist in Deutschland geboren und aufgewachsen, was war Deine Intention für die Arbeit an einem Buch zur griechischen Küche?

Viele Gründe. Ich liebe essen, ich liebe Kochbücher, ich habe für andere Kochbücher fotografiert und da war es für mich immer schon einer meiner großen Lebensträume, ein eigenes Kochbuch zu machen und dann natürlich ein griechisches, mit meiner Mutter zusammen und auch für sie, sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Nach 42 Jahren in Deutschland ist sie vor sieben Jahren für immer nach Griechenland zurückgekehrt. Für mich ist essen Heimat und Erinnerung und wenn ich dort bin, kocht sie diese Gemüse-Zitronencremesuppe für mich – dann erst komme ich an. Und wenn ich hier ihre Rezepte koche, dann ist sie da. Das Essen ist unsere Verbindung.

Im Buch finden sich die Rezepte Deiner Mutter Anastasía, wie hat sich die Produktion gestaltet? Ich stell mir das sehr aufwändig vor, weil Du ja in vielen Funktionen da warst, als Fotografin, Autorin und nicht zuletzt auch als Tochter.

Meine Mutter hat fast alle Rezepte gekocht, ein paar davon auch meine Tanten, alle wohnen in diesem kleinen Dorf. Die Gemüse baut meine Mutter dort selber an, Blumen und Gemüse, das ist ihr Leben, das ist ihr Glück. Als meine Mutter damals in Deutschland ankam, hat sie als erstes einen Kasten mit Tomatenstauden in den Innnehof der Maler- und Lackierwerkstatt gestellt, neben der sie wohnte. Für das Buch hat meine Mutter echt Tag und Nacht gekocht, wo ich helfen konnte, habe ich mitgemacht und wir haben zusammen gekocht. Fotografiert und geschrieben habe ich auch dort, um die Stimmung und meine Gefühle einzufangen.

Und wie fand Deine Familie die Idee eines Kochbuches?

Ich mach jetzt ein Buch über Vathilakkos, ein Dorf das kein Mensch kennt – das war sehr unreal für meine Familie. Und jetzt wo das Buch erschienen ist, haben auch viele Menschen viel berührender auf das Buch reagiert als meine Familie, für meine Familie ist das ihr Alltag, ihre Schafe, ihre Hühner, das Essen, das ist normal. Sie sind da sehr bodenständig.

Vathilakkos liegt in Nordgriechenland und, das habe ich aus Deinem Buch gelernt, mitten in einem berühmten Safrananbaugebiet. Erstaunlicherweise finden sich in Deinem Buch kaum Safranrezepte? Wie kommts?

Bei uns wird nicht mit Safran gekocht. Es gibt einen Tee, der findet sich auch in meinem Buch. Safran wird dort eher medizinisch genutzt, für Magen, Bauch und Kreislauf.

Es gibt sehr viele einfache Gemüserezepte in Deinem Kochbuch, das empfiehlt es auch für Kochanfänger, es finden sich aber auch viele sehr anspruchsvolle Grundrezepte für beispielsweise hausgemachte Wurst und Brot darin.

Ja, das gehört dazu zu unserer Küche und die fünf bis sechs schwierigeren Rezepte im Buch sind für Leute gedacht, die sagen, ich brauch jetzt mal eine Herausforderung! Das Wurstrezept ist von meinem Onkel.

Und hast Du die Rezepte dort mitnotiert?

Das war auch so eine Herausforderung, kein Mensch kocht da nach Millilitern oder Gramm-Angaben, das war mit das Schwierigste an diesem Buch. Auch wenn mehrere Tanten durcheinander kochten, jede hat sowieso ihr eigenes Rezept und das ist natürlich das beste Rezept -da gabs auch Streitigkeiten – ich hab dann immer das Rezept meiner Mutter genommen (lacht). In Deutschland habe ich alles noch mal nachgekocht und abgewogen, was auch für mich der Horror ist, ich koche immer nur nach Gefühl.

Die Lesestücke über Deine Familie, den Ort, die fand ich sehr persönlich und berührend, ohne jeden Kitsch, hast Du alle Texte selbst geschrieben?

Ja, da wurde im Lektorat noch an zwei, drei Sätzen gedreht und dann war das nicht mehr ich und da hab ich gesagt: können wir das wieder ändern? Das war ganz toll vom Verlag, die haben die Texte letztendlich so gelassen, wie ich es geschrieben hatte. Es ist immer die Frage, wie viel man von sich preisgeben will, ich bin froh, dass ich das so gemacht habe.

Es gibt ja gerade eine Renaissance der griechischen Weine, ich bin begeistert von den neuen Weinen der jungen Winzer.

Ja, unbedingt, darum gab es auch auf der Buchpremierenfeier viele meiner griechischen Lieblingsweine, der 2009er Nemea von der Estate Constantin Gofas beispielsweise, du denkst du hast einen großen Rioja im Mund. In Hamburg findet man viele der neuen griechischen Weine in Yannis Shop (BRIMO Weinhandelsgeselllschaft), tolle Auswahl, auch an anderen griechischen Spezialitäten.

Wo wir gerade bei den Empfehlungen sind: was ist denn Dein „Lieblingsgrieche“ in Hamburg?“

Elia, Taverna Elia, absolut! Anna Katela ist eine tolle Frau, die toll kochen kann, sie ist ein sehr herzlicher Mensch und sie macht köstliche kleine Mezedes und ein fantastisches Lamm. Lamm wohlgemerkt, nicht Hammel! Es tut mir ja leid für die Lämmchen, aber was in Deutschland als Lamm verkauft wird, ist bei uns kein Lamm mehr.

Danke Dir, Elissavet für Deine Zeit und das Gespräch!

Elissavet Patrikiou
Echt griechisch!
Familienrezepte von Mama Anastasía
Christian Verlag (Link führt zur Buchseite des Verlages)
224 Seiten, ca. 280 Abbildungen, Format 18,0 x 25,7 cm, Hardcover
Preis: 24,95 €
ISBN-13: 978-3-86244-136-5

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10 Responses to “„Echt griechisch!“ – ein Gespräch mit der Fotografin und Kochbuchautorin Elissavet Patrikiou”

  1. Micha
    Juli 23rd, 2012 @ 09:41

    Tolles Cover!

    Und dein Gepräch mit Elissavet macht noch neugieriger. Wie es zu den Vorurteile der Deutschen gegenüber der griechischen Küche gekommen ist, finde ich gut erklärt und nachvollziehbar. Umso spannender, diese abzubauen!
    Wie seit ihr zwei aufeinander getroffen, dass es zu dem Interview kam?

  2. Alisseos
    Juli 23rd, 2012 @ 10:17

    Sehr schönes und liebevolles Gespräch! Darüber hinaus ergibt sich ein wunderbares Bild einer Familie, eines Dorfes und einer Eßkultur, die schlicht unbekannt ist – und doch so vielfältig und klasse ist!
    Das Interview als auch Buch kann man nur empfehlen in einem Europa, welches sich noch kennenlernen muss!

  3. Susa
    Juli 23rd, 2012 @ 10:30

    Ach, vielleicht sollte ich doch noch einen zweiten Blick in das Buch werfen. Auf den ersten Blick konnte es mich noch nicht überzeugen, für mich persönlich doch zuviele Basis-Rezepte. Vermutlich bin ich aber mit einer recht umfangreichen Kochbuchsammlung über die griechische Küche nicht die Zielgruppe.

  4. Freundin des guten Geschmacks
    Juli 23rd, 2012 @ 10:39

    Genau wg der großen Fleischberge habe ich die griechische Küche bisher gemieden.
    Danke für das Ausräumen dieses Vorurteils und das tolle Interview! Es macht mich neugierig!

  5. Lena
    Juli 23rd, 2012 @ 11:03

    Meine absolute Hassküche ist ja griechisch, eben wegen dieser furchtbaren Fleischberge.

    Das Buch macht mich wirklich neugierig, und das bedeutet bei griechischem Essen was! Ich werde es mir bei Gelegenheit in der Buchhandlung anschauen und bin gespannt.

    Vielen Dank für das tolle Interview!

  6. Jeanny
    Juli 23rd, 2012 @ 15:54

    Klingt fantastisch! Ich stöber mal schnell rein. Danke fürs Vorstellen,

    J

  7. Herr Paulsen
    Juli 24th, 2012 @ 07:24

    Micha, ich war auf der Buchpremiere zu Gast, habe dann das Buch gelesen und mich daraufhin mit Elissavet in Verbindung gesetzt.

    Wie wahr Alisseos, Europa muss sich wirklich noch kennen lernen.

    Susa, haben Sie ein paar Titel-Tipps für Fortgeschrittene?

    Freundin des guten Geschmacks und Lena, ja es lohnt wirklich, die griechische Küche neu zu entdecken, einfach bei den Fleischbergen links abbiegen:-)

    Jeanny, freut mich, viel Vergnügen!

  8. Kormoranflug
    Juli 29th, 2012 @ 12:44

    Toll Deine Recherche zum Kochbuch! Die griechische Küche ist Spitze und es gibt auch Sterne-Restaurants.

  9. Susa
    August 14th, 2012 @ 11:38

    Die Bibel der griechischen Küche ist sicherlich Vefa´s kitchen. Wie kein anderes vereint es alle Klassiker aus allen Regionen Griechenlands und ist eine wahre Fundgrube. Mein persönliches Lieblingskochbuch!

    Auch sehr angetan hat es mir “How to roast a lamb” von Michael Psilakis.

    Moderne griechische Sternekochküche findet man bei George Calombaris (The Press Club), der den berühmten Horiatiki in Tomatentee, Oliveneis, Feta-Souffle und minzigen Gurkensalat zerlegt. Kein Buch für alle Tage, aber ein Beweis dafür, dass auch die griechische Küche modern interpretiert werden kann.

    Sein Buch “Greek Cookery from the Hellenic Heart” dagegen ist bodenständiger und zeigt feine Tavernenküche mit einigen zyptriotischen Gerichten von seiner Mutter.

    Mit Theodore Kyriakou macht man auch nichts falsch (“the real greek” oder auch “A Culinary Voyage Around the Greek Islands”).

  10. Herr Paulsen
    August 14th, 2012 @ 11:46

    Klasse, Susa, vielen Dank, was für eine inspirierende Liste!

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