Fundstück der Woche: Wiederschlecken nach Jahrzehnten – die Rückkehr des “Grünofanten”

Posted on | April 3, 2014 | 9 Comments

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Tränen der Rührung netzen meine alten, grauen Wangen. Dass ich das noch erleben darf. Jahrzehnte habe ich gewartet. Willkommen mir, Du Tag der Freude! Wer sich mitfreuen will, folge mir ins Jahr 1975, ich war sechs Jahre alt und liebte den Grünofant, ein Vanilleeis am Stiel mit grasgrünem Waldmeisterkern und einem Waldmeistermäntelchen, welches die kalte Köstlichkeit zur Hälfte bedeckte.

Doch das Glück währte nicht lange, schon drei Jahre später wurde der Waldmeister-Vanilletraum rüde Millionen kleiner Kinderhänden entrissen, eine ganze Generation ohne Lieblingseis ins Jammertal des Lebens geschickt. Langnese nahm unseren geliebten Grünofant vom Markt!

Ob es damals schon ums kindliche Wohl besorgte Verbraucherschützer gab, verhüllt der Nebel der Geschichte, richtig gesund soll der farbintensive Synthetik-Schleck aus den 70ern aber nicht gewesen sein, zumindest insgesamt diskutabel. So schlimm kann es aber nicht gewesen sein! In den Jahren zwischen 1975 bis 1978 aß ich ungezählte Grünofanten, das Stieleis war wichtiges Werkzeug in der Erziehungsphilosophie meiner Mutter und ich war ein sehr braves Kind. Zumindest bis Langnese das Eis vom Markt nahm. Spätschäden sind meines Erachtens nicht zu beklagen, ein paar Jahre verbrachte ich noch in unbefriedigender Brauner Bär-Abhängigkeit, bis ich 1988 das Stieleisessen komplett aufgab: ich entdeckte während der Kochlehre meine ersten Eismaschine.

Ich habe den Grünen Elefanten dennoch nie vergessen. Ich schloss mich einer Gruppe Gleigesinnter an, wurde Mitglied der Facebook-Gruppe „Grünofant: Er steht uns zu!“ – ins Leben gerufen von Sascha Dornhöfer, dem Vorsitzenden der Grünofantwiederbeschaffungskomission. Die Mitglieder der Gruppe kämpfen bis heute für die flächendeckende Wiederbeschaffung des heiligen Grünofanten in der Urform von 1975.

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Gestern dann, die Nachricht schlug im Netz wie eine Bombe ein, bei Aldi wurde Eis entdeckt dass dem Grünofanten ähnlich sah, online machten erste Verkostungsnotizen die Runde, es schmecke sogar wie Grünofant, schrieben erste Testkäufer euphorisch. Sofort fuhr ich den Rechner runter, warf meine moralischen Bedenken über Bord und machte mich auf den Weg zum Preistreiber-Diskounter. Wortlos und mit schnellen Schritten lief ich zu den Tiefkühltruhen und riss noch im Laden das erste Eis aus der Verpackung.

Was soll ich sagen. Der Laden-Manager war dann doch einsichtig, nachdem ich ihn mit meiner Geschichte zu Tränen gerührt hatte und das Mucci Sun Splash Eis “Waldmeistergeschmack Vanilla” dürfte als perfektes Grünofant-Surrogat viele Kinder von damals sehr glücklich machen. Take this, Langnese!

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Indiebookday 2014 – kleiner Tipp für Kulinariker

Posted on | März 19, 2014 | 4 Comments

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“Es gibt viele kleine tolle Verlage, die mit viel Herzblut und Leidenschaft schöne Bücher machen. Aber nicht immer finden die Bücher ihren Weg zu den Lesern. Der Indiebookday kann da für ein bisschen Aufmerksamkeit sorgen.”

schreibt Daniel Beskos vom Hamburger mairisch Verlag auf der Indiebookday-Seite, mein Verleger hat den “Valentinstag für unanbhängige Verlage” im vergangenen Jahr ins Leben gerufen und am 22. März ist es wieder soweit!

Und so funktioniert es:

Geht am 22.03.2014 in einen Buchladen Eurer Wahl und kauft Euch ein Buch. Irgendeines, das Ihr sowieso gerade haben möchtet. Wichtig ist nur: Es sollte aus einem unabhängigen/kleinen/Indie-Verlag stammen (Was Indie-Verlage sind, wird z.B. hier erklärt).

Danach postet Ihr ein Foto des Covers, des Buches, oder Euch mit dem Buch (oder wie Ihr möchtet) in einem sozialen Netzwerk (Facebook, Twitter, Google+) oder einem Blog Eurer Wahl mit Hashtag #Indiebookday. Wenn Ihr die Aktion gut findet, erzählt davon.

So und ich hab für Kulinariker einen kleinen Buchtipp, ebenfalls aus dem mairisch Verlag, das Buch erscheint am Indiebookday, ich war dabei ein kleines bißchen Geburtshelfer und bin ein kleines bißchen stolz. Das kam so: im Sommer 2013 schickte mir die HFBK-Studentin Sohyun Jung eines von nur 50 gedruckten Exemplaren ihrer kulinarischen Graphik Novel „Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen – eine kleine Reise in die koreanische Küche“, eine wunderschön getuschte Geschichte über Kimchi und Heimweh.

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Begeistert habe ich damals das Buch hier im Blog vorgestellt und drauf hingewiesen, das Sohyun Jung einen Verlag sucht. Dann habe ich Sohyun Jung auf den Hamburger Graphic Novel Förderpreis AFKAT aufmerksam gemacht, bei dem eine Buchveröffentlichung zu gewinnen ist. Und den hat sie dann gewonnen:

Vergiss nicht, das Salz auszuwaschen – eine kleine Reise in die koreanische Küche von Sohyun Jung

Ganz egal für welches Buch aus einem kleinen Verlag Ihr Euch auch immer entscheidet – Hauptsache Ihr stürmt am 22. März die Buchhandlungen und seid dabei -ich bin gespannt!

Links zum Thema:

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Facebook-Event zum Indiebookday

Wein und Wurst – Message in a bottle in der Schlachterei Wagner

Posted on | März 17, 2014 | 4 Comments

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Es brennt noch Licht in der Hamburger Traditions-Schlachterei Wagner (seit 1902!), Kerzen funkeln hinter beschlagenen Scheiben, von drinnen bedeutet man uns den Weg zur Hintertür und dann sind wir auch schon mittendrin, im wohl ungewöhnlichsten Weinabend den zumindest ich erlebt habe. Sommelier Carsten Lade, dessen Message in a bottle Abende grundsätzlich an außergewöhnlichen Orten stattfinden, hat seine Gäste diesmal in die Metzgerei eingeladen um uns zusammen mit dem Burgunder–Kenner und Weinhändler Norbert “Nobbi” Müller die Weine des Burgunds exemplarisch nahe zu bringen. (Am nächsten Tag starteten die Fotoaufnahmen zu meinem neuen Kochbuch und Fotografin Daniela Haug aus Berlin war schon angereist und begleitete mich, danke für die Impressionen Daniela!)

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Die Wahl des Ortes ist ein Segen, denn zu den großen Weinen serviert Familie Wagner ihre Spezialitäten – und das bedeutet zuallererst mal feinste Räucherware, dafür sind Wagners berühmt. Das Fleisch kommt vom eigenen Hof, die Familie züchtet selbst Charolias- Limousin- Galloway- und Chianina Rinder, die Tiere stehen ganzjährig auf der Weide! Auch Geflügel, Lamm und Zicklein werden selbst geschlachtet und verarbeitet.

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Wagners kennen tatsächlich noch jedes Tier selbst und beim Namen: „Nicht einfach manchmal!“, sagt der Seniorchef und bringt hausgemachte Salami, hauchdünn geschnittenen Rohschinken, einen dicken Batzen Tatar mit frischen Zwiebeln für alle, dazu duftendes Weißbrot.

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Carsten Lade und Norbert Müller schenken den ersten Wein des Abends aus, ein Weißwein aus Bouzeron einer kleinen Gemeindeappellation im Nordwesten des Weinbaugebietes Côte Chalonnaise, südlich von Beaune. Hier ist die weiße Traube Aligoté zu Hause, frische zitrusartige Noten und leicht würzige Aromen prägen Traube und Wein. Der 2011 Bouzeron Aligoté Domaine A. et P. de Villaine (Domaine-Inhaber Aubert de Villaine ist gleichzeitig auch Mitinhaber und Kopf der weltberühmten Domaine de la Romanée Conti), ist ein Genuss und passt besonders gut zum Tatar.

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Die lange Tafel füllt beinahe den gesamten Verkaufsraum aus, dicht gedrängt sitzen knapp 20 fremde Menschen beisammen, die Themen Wein und Essen entwickeln hier aber eine ähnliche Schmierstoff-Funktion, wie es Gespräche über Fußball bei vielen Männern bewirken, schnell rückt man auch gedanklich und im Gespräch zusammen. Selbst aus Berlin sind Leute für den ungewöhnlichen Abend angereist („sowas hamwa bei uns nicht“), erfreulich bunt gemischt der Altersschnitt und jeder weiß was, aber niemand gibt den Besserwisser-Dozenten. Letzteres ist selten, bei Weinveranstaltungen.

Der zweite Weißwein des Abends kommt aus einer der berühmtesten Lagen Burgunds: Puligny – Montrachet. Der 2010 Puligny-Montrachet der Domaine Bachelet-Monnot ist ein klarer und frischer Chardonnay aus 20-40 Jahre alten Reben, mineralisch, straff. Eine Assemblage, lernen wir aus den Lagen „Les Meix“, „Les Corvées des Vignes“, „Noyer Brets“ und „Les Houllieres“.

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Auch der zweite Chardonnay des Abends aus der Domaine Sylvian Pataille, Marsanny-La-Côte, ist klar und frisch, ganz anders als die cremigen, fetten Chardonnays aus Kalifornien oder Neuseeland. Der 2011 „Charmes aux Prêtres“ ist ein Chardonnay aus 30 Jahren alten Rebgärten und von salzige Frische, mit dem feinen Duft von weißer Blume und Honig. Knaller!

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Die Wagners servieren dazu frischen Salat und eine rustikal Speise: eine großartige, hausgemachte Blutwurst, gebraten auf Rösti und mit Preiselbeeren getoppt – ein perfekt match!

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Jetzt geht es an die Rotweine. Beaujolais! Mit Graus entsinnt sich selbst der Laie des Beaujolais Primeur oder Nouveau, jene überwiegend schwachbrüstigen Novemberweine, die es als PR-Maßnahme für dass in qualitative Schräglage geratene Beaujolais zu beachtlichem Erfolg brachten. Heute, lernen und schmecken wir, hat sich das wieder geändert. Während der Norden mit seinen Cru Weine ( Fleurie, Brouilly, Moulin-á- Vent, Morgon…) vielen Weinfreunde längst ein Begriff ist, fehlen den Beaujolais Villages Weinen im Süden noch eine Lobby -Norbert Müller und Carsten Lade ändern das an diesem Abend.

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Beispielsweise mit dem Beaujolais Coer de Vendanges 2012, Domaine du Vissoux, hergestellt aus über 100 Jahre alten Reben in St. Vérand und Vaux, dafür erfrischend und süffig, ein herrlicher Trinkwein der keine ausdauernde Meditation braucht.

Der Pinot Noir von der Domaine Thibault Liger-Belair, der 2012 Hautes Côtes de Nuits „Clos de Prieure“ ist da schon ein anderes Kaliber, aus 30 Jahre alten Reben und auf Kalkstein/Kiesel Böden gewachsen, der Ausbau erfolgte 18 Monaten in 20% neuen Holzfässern, keine Schönung und keine Filterung. Auch der 2011 Vosne Romanée „ Aux Reas“ aus dem gleichen Weingut ist ein großartiger Pinot Noir. Mit berühmten Nachbarn, hier gedeihen u.a. auch die großen Weine der Domaine de la Romanée Conti.

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Familie Wagner serviert dazu das einzig mögliche Gericht: Bœuf bourguignon! Eine Köstlichkeit, das Fleisch ist nicht zerfallen, hat noch Biss, ohne einen Anflug von Zähigkeit. Große Kunst! Da verzeiht man auch schon mal die Tütenspätzle (als Schwabe empfehle ich ja in solchen Fällen einfach auf Salzkartoffeln umzuschwenken).

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Zum Ausklang dann doch noch der Meditationswein: Volnay 1er Cru „Caillerets“ 2008 von der Domaine Nicolas Rossignol. “Rauchig mineralischer Duft, Feste Struktur und enorme Länge, dazu anregende Frucht. Exzellent.“, steht in den Verkostungsnotizen, und während die Fachleute noch rätseln, wann die perfekte Trinkreife erreicht wäre, schenken wir nochmal nach, jetzt natürlich!

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Message in a bottle-Veranstalter Carsten Lade, der sich eh wenig um Konventionen schert und auch Interdisziplinär genießt, hat noch eine Überraschung parat und stellt uns Stephan Garbe vor, Chef, Brennmeister und Kreateur von Gin Sul, dem neuen Gin aus Hamburg. Nach Purverkostung und Tonic-Mische bin ich, gelinde gesagt, euphorisch.

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Das ist ein ganz, ganz großer Gin der da kommt, gerade erst ein paar Wochen alt die erste Abfüllung. Hocharomatisch, vielschichtig, frisch mit tiefer Zitrusnote, die kräutriger Würze klar definiert. Große Klasse, gehört ab sofort zu meinen bevorzugten Lieblings-Gins! Ganz schnell waren da die Kollegen der großartigen neuen Hamburg-Kulinaria-Seite Susies local food ich empfehle den aufschlussreichen und reich bebilderten Artikel über Hamburgs neuen Gin, seinen Macher und die Altonaer Spirituosen Manufaktur wärmstens.

13188853204_80c3948e7c_cGroßer Abend mit (v.l.n.r): Michael Wagner, Carsten Lade, Norbert Müller, Seniorchef Hans Wagner

Wir stehen alle länger noch zusammen in der alten Schlachterei, gute Abende erkennt man daran, dass man sich nur zögerlich trennt. Ein Wiedersehen gibt es garantiert beim nächsten Message in a bottle!

PS:Bezaubernd und Weinveranstaltern zur Nachahmung empfohlen: wenige Tage nach dem Abend verschickte Carsten Lade an alle Teilnehmer eine pdf mit Besprechungen und ausführlicher Charakterisierung aller Weine, dazu Preise und die Bezugsquelle. Ein formidabler Service, der schon am Abend selbst angekündigt wurde: „Sie müssen nicht mitschreiben, genießen Sie einfach die Weine.“

Links zum Thema:

Weinbühne Message in a bottle
Burgunder & Süßweine, Norbert “Nobbi” Müller
Schlachterei Wagner
Gin Sul
Daniela Haug

Die kleine Schlaraffenland-Frühlingstour 2014 mit Livepremiere

Posted on | März 4, 2014 | 2 Comments

8040932870_6242457c81_h(Foto: Daniela Haug)

Das wird ja noch zur guten Angewohnheit! Auch dieses Jahr gibt es wieder eine klitzekleine Frühlingslesetour, diesmal mit einer Premiere: erstmals lese ich meine neue Kurzgeschichte „Indien“, die im Frühjahr im Literaturquickie Verlag erscheinen wird. Darin legen sich die gestandenen Münchner Lebensmittelkontrolleure Weidinger und Strobl mit dem indischen Spüler Ramesh Prakash an. In Obergiesing kommt es beim “Curry der Liebenden” zum Showdown.

Natürlich lese ich auch aus Schlaraffenland und zwar in München, Hamburg, Salzhausen und dem Ostseebad Dierhagen.

Für alle Lesungen hat der Vorverkauf jetzt begonnen, schnell Plätze sichern via:

19.03. Buchhandlung Hornborstel, Salzhausen
19:30 Uhr Lesung (7 €)
Reservierung

20.03. Boysen + Mauke, im JohannisContor, Hamburg
19:30 Uhr Lesung mit Abendessen (15 €)
Reservierung

22.03. Hotel Blinkfüer, Ostseebad Dierhagen
19:30 Uhr Dinnerlesung (7 Gänge / 75 €)
Reservierung

12.04. Einstein, München
19.00 Uhr Lesung (12 €, Abendessen extra)
Reservierung

Ich freu mich auf Sie und Euch!

Fundstück der Woche: Schweizer Dörrbohnen

Posted on | Februar 18, 2014 | 8 Comments

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Wenn ich auf Reisen bin, besuche ich immer auch die Supermärkte meines jeweiligen Gastlandes, nirgendwo erfährt man schneller mehr über die Ess- und Genusskultur der Menschen vor Ort. Die großen Schweizer Supermärkte rangieren da knapp hinter dem märchenhaften Schlaraffenland, was die breite und Güte des Warenangebotes angeht, ich hätte gerne ein Foto meines Gesichtsausdrucks als ich im Coop in St. Moritz/Bad ein Slow Food-Regal entdeckte, mit regionalen Spezialitäten. Auf der Kooperationsseite der Supermarktkette las ich später:

„Mit dem Angebot von Produkten aus Slow Food Presidi fördert Coop die traditionelle Herstellung von Lebensmitteln, die Schweizer Esskultur und nicht zuletzt die Vielfalt des Genusses. Die Produkte werden im Einklang mit der Natur hergestellt. Coop unterstützt den Erhalt von jahrhundertealtem Wissen über traditionelle Herstellungsverfahren einzigartiger, regionaler Spezialitäten.“

Wohlgemerkt, Coop ist eine Supermarktkette. Schweiz, Du hast es besser. Im Regal u.a. ein Baumnussöl, gelagerter Vialone Nano Reis, Linsen aus der Schweiz und ein Päckchen grüngrauer Algen. Algen? Ich sah genauer hin, das hatte ich noch nie gesehen. Schweizer Dörrbohnen las ich auf dem schönen Etikett, aus Bio-Anbau und bei 35 Grad schonend luftgetrocknet. Und noch während ich mich fragte, wer denn wohl und vor allem warum irgendwer grüne Bohnen trocken wolle, stand ich schon an der Kasse. Für 100 g der Slow Food Dörrbohnen aus Bioanbau zahlte ich knapp 10 Franken, etwa 8 Euro. Die müssen schmecken!

Neben der klitzekleinen Kochbeschreibung auf der Packung selbst, wurde ich natürlich verlässlich fündig im Schweizer Foodblog Lamiacucina, erfuhr nach weiteren Recherchen, dass ich einen wahren Schatz in den Händen hielt. Die Schweizer sind verrückt nach ihren getrockneten Grünen Bohnen, einem Schweizer Kulturgut, leider waren wohl in den vergangenen Jahren kaum noch Dörrbohnen aus heimischem Anbau erhältlich. Der überwiegende Teil der sich im Umlauf befindlichen Ware komme aus China, erklärte man mir vor Ort und es sei ein Segen, dass es jetzt wieder Schweizer Dörrbohnen zu kaufen gäbe, die aus China taugten nämlich nichts.

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Die Zubereitung der Dörrbohnen ist denkbar einfach: sie werden über Nacht in Wasser eingeweicht, dann mit in Butter geschmorten Zwiebeln (und nach Geschmack gehacktem Knoblauch) durchgeschwenkt. Für die „Berner Platte“ kommen Speck und Rippchen dazu, dann wird mit Fleischbrühe aufgegossen und alles knapp bedeckt im geschlossenen Topf oder Bräter 25-30 Minuten gegart. Die Berner Platte wird zusätzlich mit Würsten und Sauerkraut serviert. Ich habe norddeutsche Kochwürste und geräucherten Speck mitgegart, später noch mit wenig Salz, etwas Pfeffer gewürzt und frisch geschnittene Petersilie zugegeben.

Die Bohnen schmecken dann wie eine Reduktion von grüner Bohne, tief und intensiv. Sie entfalten einen einmaligen, durch die Trocknung verstärkten Geschmack und haben ein außergewöhnlichen, „fleischigen“ Biss. Kein Wunder, dass die Schweizer verrückt nach Dörrbohnen sind und diese sogar verwenden, wenn eigentlich frische Bohnen Saison haben.

Ich habe auch von einem rahmigen Dörrbohnen-Kartoffeleintopf mit Speck gehört, den mache ich das nächste Mal, die Dörrbohnen sind aus!

Weiterführende Links:

Diese Bio-Dörrbohnen aus der Schweiz habe ich mitgebracht und probiert, sie können auch online bestellt werden: bei gruenboden.ch

Alles über Dörrbohnen auf der ohnehin empfehlenswerten Seite kulinarischeserbe.ch

Kochbuch des Monats: “Zucker, Zimt und Liebe” von Virginia Horstmann

Posted on | Februar 10, 2014 | 1 Comment

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Meine Lieblingspralinen sind ja Hackbällchen. Schmandkuchen find ich gut! Mit Blattspinat, Feta und Knoblauch. Und so eine Blätterteigrolle schmeckt mir am besten mit einer würzigen Sauerkrautfüllung, mit Kümmel und Käse drin. Darum lungere ich auch nicht ganz so oft in ZuckerbäckerInnen-Blogs rum und ich glaube fast, hier im eigenen Blog gab es seit der Inbetriebnahme in 2008 nicht ein einziges, süßes Rezept.

Das mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass mein eigenes Talent, was die Zuckerbäckerei betrifft, schon während meiner Kochlehre in eine Sackgasse geriet und seitdem dort feststeckt. Ich hab da Defizite und tröste mich mit der haltlosen Behauptung, gute Köche könnten eben keinen Süßkram. Fakt ist: den meisten Köchen widerstrebt einfach die exakte Präzision die nötig ist, um süße Geschmackswelten zu zaubern.

Doch auch ich brauche ab und zu mal Zucker, Zimt und Liebe und ich hatte Glück: ich habe eine Frau geheiratet, die backen kann. Die Liebste sagte „ja“ zu meinem unbeholfenen Werben, wir schlossen den Bund fürs Leben und vereinbarten wortlos Arbeitsteilung in der Küche. Bei uns koch ich. Und die Liebste bäckt. Es ist herrlich!

Eine nicht unwesentliche Rolle spielt in diesem kulinarischen Beziehungsgeflecht das Blog von Virginia „Jeanny“ Horstmann: „Zucker, Zimt und Liebe“. Als visueller Mensch entdeckte ich das Blog schon früh und auch im namensgleichen Buch, das jetzt im Hölker Verlag erschienen ist, begeisterte mich zuallererst die Fotografie: Schnörkellos und fokusiert, dabei warm und nie überladen, federleicht – die abgebildeten Zuckerbäckereien allesamt handwerklich perfekte, kleine Kunststücke.

Buchtrailer

Natürlich habe ich noch nie irgendwas nachgebacken. Weder aus dem Blog, noch aus dem Buch. Ich kucke nur gerne. Und die Liebste bäckt. Sehr gerne Rezepte aus Jeannys Zuckerbäckerei. Ungezählte Sonntage duftete es schon morgens wohlig warm, später gabelten wir, genussvoll schweigend, Virginia Horstmanns süße Kreationen. Ich bestehe immer auf ein zweites Stück.

Schön, dass jetzt, neben Klassikern aus dem Blog, über 50 neue, exklusiv entwickelte Rezepte, in Buchform noch größere Kreise ziehen dürften. Es ist ein tolles Buch geworden. Hardcover. Liebevoll gestaltet. Wenn man mit den Fingern über den Umschlag streicht, fühlt es sich samtig an, der Titel ist in eleganter Prägeschrift gehalten. Von den Fotos sprach ich ja schon. Die Rezepte klingen verheißungsvoll, es gibt ein Kapitel „Im Schokoladenhimmel“, es gibt „Kleine Sünden“, große Kuchen, Kekse, französische Tartes und American Pies.

Neben süßen Klassikern finden sich die Jeanny-typischen Neukreationen, die im Detail überraschen, kleine geschmackliche Schlenker, von großer Wirkung. Das Vorwort verspricht, dass alle Rezepte einfach, „ohne Patisserie-Diplom“ und ohne Profi-Werkzeug nachzubacken sind.

Ich habe das Buch dann aber vorsichtshalber doch der Liebsten geschenkt und sie heute Morgen, in Vorbereitung auf diesen Beitrag, nochmal kurz zum Buch befragt. Die Liebste ist Norddeutsche und fasst sich zudem zu früher Stunde ganz besonders kurz. Sie lobte aber „die ansprechenden Bilder“ und außerdem: „funktionieren die Rezepte“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Blick ins Buch(Link)

Zucker, Zimt und Liebe – Jeannys süße Rezepte
Jeannys süße Rezepte

ISBN: 978-3-88117-910-2
Verlag: Hölker Verlag
Seiten: 176
Format: 18,5 x 24,4 cm
24,95 €

Sind wir nicht alle Andersesser? Kleines Plädoyer für mehr kulinarische Weitsicht

Posted on | Februar 5, 2014 | 25 Comments

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Der Vegan-Vegetarische – Medienhype und die Diskussion um vegan-vegetarische Ernährung ist an einem Punkt angekommen, an der man prima mal einen Punkt machen könnte, machen sollte, ist doch wahr, es nervt. Da entscheiden Menschen sich fürderhin ohne jegliches tierisches Gedöns zu ernähren, andere empfinden das als Einschränkung und lassen alles so, oder werden Vegetarier. Oder Flexitarier, die lassen auch alles so, nur weniger und irgendwie anders. Das ist prima. Bitte alle weiter machen, guten Appetit.

Stattdessen wird diskutiert, verglichen, gedisst, appeliert, gestritten und missioniert. Schlimm. Die Ernährungspsychose hat auch bereits einen (von der Schulmedizin noch nicht anerkannten) Namen: Orthorexia Nervosa, die Obsession sich besonders gesund und “korrekt” zu ernähren, geht leider auch gerne mit selbstreferenziellem Missonarismus einher – Ernährung als Heilsversprechen, fleischlos, glutenfrei, lactosefrei, fettfrei.

Dabei ist Ernährung halt doch was sehr persönliches: denn wir lassen nur wenig an uns ran und da gilt es scheinbar das, was wir in uns rein lassen in besonderem Maße auch vor uns und anderen zu legitimieren. Dazu besteht kein Grund. Die persönliche Ernährung ist abhängig von vielen sehr persönlichen Faktoren: Geschmack zum Beispiel. Einkommen. Lebensumstände. Religionszugehörigkeit. Moral. Allergien. Um nur mal ein paar der Mitentscheider zu nennen. Alles ziemlich persönlich und eben nicht geeignet politisiert zu werden, weil wir dann immer nur über den eigenen Standpunkt diskutieren, uns selbstreferenziell um uns und Andersessende drehen, statt anzufangen wirklich nachzudenken und dann gemeinsam (!) über unsere eigenen Tellerränder hinaus zu schauen.

Das absolut nervtötende an der reinen „Tiere essen“-Diskussion: sie kommt niemals zu einem Ergebnis. Jeder These folgt die Gegenthese, immer alles hieb und stichfest und von herbeizitierten Experten unterschrieben. Neustes Kriegsgebiet: die Unterscheidung zwischen fühlenden Lebewesen und nichtfühlenden Lebewesen. Ja, hömma! Fakt ist: die Vegan-Vegetarisch-Mir doch am liebsten Wurscht-Debatte, die bislang zu nix führt außer zu Ungemach in größeren und kleineren Zusammenhängen, lenkt herrlich ab von lobbygesteuerter Politik zugunsten der Lebensmittelindustrie oder komplexeren Themen wie beispielsweise dem Freihandelsabkommen, dass geeignet ist, die schönen neuen Utopie von „regional“ und „nachhaltig“ nachhaltig zu pulverisieren. Derweil wundert sich „der Verbraucher“ gemeinsam mit der Presse dreieinhalb Tage lang warum in seiner Schokolade für 0,85 Cent keine echte Vanille drin ist und entzieht in Folge vorsichtshalber schon mal Stiftung Warentest das Vertrauen. Und im Zug des Vegan-Trends zündet die gleiche Industrie ein Feuerwerk an einträglichen „Food-Innovationen“, in Mehrzahl Mehrkomponenten-Ersatzstoff-Gedöns, dass die selbstgewählten Ernährungs-Lücken mit Surrogaten füllen soll.

Auf der Strecke bleibt „unsere Nahrung“. Naturprodukte und Lebensmittel von denen wir wissen was in ihnen steckt, die sorgfältig produziert und deren Herstellung gerecht entlohnt wurden. Landwirte die von ihrer Arbeit wieder leben können. Brot, Obst und Gemüse das wieder schmeckt. Fleisch, das wieder etwas Besonderes ist. Lebensmittel die nicht produziert werden, um weggeworfen zu werden.

Das sind doch Ziele die uns alle, einig, interessieren dürften. Investieren wir doch einen Teil unserer Zeit, unserer Gedanken und unser Stimme in diese Problematiken.Treffen wir doch sinnvolle Entscheidungen für uns, ändern wir doch unsere eigenen bequemen Gewohnheiten, überdenken wir im Alltag doch lieber unser eigenes Konsumverhalten, statt Andersessende zu belehren, zu kritisieren, zu diffamieren. Üben wir uns doch in kulinarischer Toleranz und Weitsicht.

Weiterführendes zum Thema:

Heute gibt es Schichtsalat! Oder: auch Veganer fahren Auto! (hundertachtziggrad°-Blog)

Finger weg von meinem Essen! (punktkommatext_Blog)

“Frei von Sünde” von Evelyn Roll, Süddeutsche Zeitung vom 11.01.2014 / Ressort: SZ Wochenende (genial, leider nur kostenpflichtig via Genios.de)

Der Bergmetzger: Besuch bei Renato Giovanoli (80)

Posted on | Februar 1, 2014 | 9 Comments

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Der Weg von Maloja hinauf zu Renato Giovanoli ist steil, Wohnhaus und Metzgerei liegen auf 1830 Metern, hoffentlich habt ihr 4-Radantrieb, sonst wird das nichts, sagt er am Telefon. Meterhoch liegt der Schnee zu beiden Seiten des gut geräumten Höhenweges, der sich schließlich öffnet und eine grandiose Sicht auf den Weiler Pila freigibt: drei Häuser, eine Räucherhütte, dahinter erhebt sich ein mächtiges Bergmassiv. Den Weg hinauf, erfahren wir, räumt Renato Giovanoli selbst jeden Tag, mit einem zum Schneepflug umgebauten Traktor. Renato Giovanoli ist 80 Jahre alt.

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Sein ganzes Leben hat er hier oben verbracht. Der Vater kam einst von Soglio herauf um als Metzger im Maloja Palace Hotel anzuheuern. Mit 15 lernt der Bub Renato das Handwerk, tritt in die Fußstampfen des Vaters, des Großvaters. Seit 65 Jahren produziert Herr Giovanoli hier oben Trockenfleisch, Bündnerfleisch und Salsizwürste, räuchert und reift Speck und Schinken – nach uralter Handwerkstradition. Wenn Giovanoli aufhört, verschwindet alles, das hatten mir die Fleischer und Metzger in St. Moritz zugeraunt, Hochachtung in der Stimme.

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“Ich mach weniger. Dieses Jahr schon noch.”, Renato Giovanoli spricht leise und ruhig, beobachtet aus wachen Augen die Besucher, so ganz geheuer ist im das Interesse der Fremden an seiner Person nicht. Das lange graue Haar passt nicht unter die Bommelmütze, ein grauer Bart rahmt das Gesicht mit den vielen Falten: “Ja, das ist eben die Metzgerei.” sagt er schulterzuckend.

Die Metzgerei ist im neuesten der drei Häuser untergebracht, es ist dreißig Jahre alt und hier haben die Giovanolis auch geschlachtet: “Das mach ich aber nicht mehr!”. Der alte Metzger zeigt uns den Keller, dicht an dicht hängen duftende Salsiz von der niedrigen Decke, mit zartem Edelschimmel bezogen.

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Draußen zeigt sich kurz ein kleines Flüßchen zwischen Schnee und Eis, der Ursprung der Inn, hier quert auch der Wanderweg Via Engiadina, der von Vinadi im Unterengadin nach Maloja im Oberengadin führt.

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In einer Hütte neben dem verschneiten Hühnerstall steht der schwarze Räucherofen, im Nebenraum wird das gepökelte Fleisch getrocknet und zwischen Holzplanken gepresst.

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Renato Giovanoli verkauft an Stammkunden, Besucher. Hotels gehören nicht zu seinen Kunden: “Da wär ja alles gleich weg.” Das Geheimnis seines Bündnerfleischs? “Salz, Knoblauch. So halt. Und ich presse nicht so stark.” Ober er uns auf ein Glas hineinbitten darf, fragte er auf dem Rückweg zum Haus.

Die Wohnstube ist warm und gemütlich, überall türmen sich Bücher und Kunst, in der Ecke ein Klavier, hier ist Kultur zuhause: “meine Frau liest viel!”, sie arbeitet in der Bibliothek in St. Moritz, erklärt Herr Giovanoli, holt Gläser und schenkt Rotwein ein, ein guter Italiener, vom Weingut auf dem einer seiner beiden Söhne arbeitet. Ah, Kinder! Ja vier, aber weder die Jungs noch die beiden Mädchen wollten hier oben übernehmen. Eine Tochter hat “eine halbe Metzgerslehre” gemacht, sie arbeitet heute bei Oakley, sagt er und zieht am Emblem auf seinem sportlich-schicken Pullovers.

Herr Giovanoli kann sich auch schweigend verständigen, das Thema ist abgeschlossen für ihn, da muss man nicht mehr drüber reden, über die Zukunft. Er ist ja noch hier. “Viva!” sagt er, erhebt das Glas. Dann korrigiert er in meinem Notizbüchlein die von mir angenommene Schreibweise der Stadt Soglio: “Nix für ungut!”

Einer der Bücherstapel versammelt alle Bücher in denen etwas über ihn geschrieben sei. Selbst im Schweizer Fernsehen war er mal zu Gast. Kopfschütteln. “Jetzt hat eine junge Frau vor, ihre Doktorarbeit über mich zu schreiben. Ich weiß garnicht, was ich der erzählen soll.” Renato Giovanoli interessiert sich beim Wein lieber für die Lebensgeschichten der Besucher.

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Später in der Metzgerei probieren wir würzige Salsiz von der Gemse, dunkles Bindenfleisch vom Hirsch wird in rosa Wachspapier eingeschlagen, die elektronische Wage spuckt den Preis aus. Draußen vor dem Fenster balgen sich fette Katzen im Winterfell um die Pellen der Gams-Salsiz.

Zeit für den Abschied, die Schatten werden länger. “Kommt wieder! sagt Renato Giovanoli und bietet uns allen noch das Du an, winkt knapp und geht zurück ins Haus. Wenn Giovanoli aufhört, verschwindet alles. Noch in St. Moritz haben wir den würzigen Geschmack seiner Salzis im Mund.

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Weiterführende Infos:

- Ausstellung: noch bis zum 31.08.2014 gibt es im Engadiner Museeum in St. Moritz eine wunderschön gestaltete und hochinteressante Ausstellung zum Thema Trockenfleisch, Binden- und Bündnerfleisch

- Video: Renato Giovanoli zu Gast bei Aeschbacher in einem Talk im Schweizer Fernsehen: Video (11:44 Minuten) von 2010

- Video: Der Supermetzger Renato Giovanoli (SF Spezial Fernweh in den Alpen), Video (3:55 Minuten) von 2009

- Blog: Der Schweizer Foodblogger Robert Sprenger vom Lamiacucina-Blog hat Renato Giovanoli schon 2007 besucht

Ich danke Rolf J. Schmitz, der Küchendirektor des Laudinella Hotels in St. Moritz hat in Sachen Bünderfleisch lange für mich herumtelefoniert, vorgefühlt und nicht nur den Besuch bei Renato Giovanoli möglich gemacht. Danke Rolf!

Unterwegs: Grand Opening Gourmet Festivals St. Moritz 2014

Posted on | Januar 29, 2014 | 2 Comments

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Beim Blick auf die Rückseite der Karte für das Grand Opening des Gourmet Festivals St. Moritz 2014 wir mir heiß und kalt: es gibt, anders als bei vergleichbaren Festivals in Deutschland, einen Dress Code! Der heißt Cocktail, da klingt lässig und beschwingt, ist es aber nur für die Ladys. Ich bin hier im Engadin, um im Rahmen eines Förderpreises der Kulturbehörde Hamburg, mein nächstes Buch voran zu bringen und der Besuch des Gourmetfestivals ist mein Privatvergnügen zum Ende des Stipendiums. Ich hatte darum zwar für die Schlaraffenland-Lesung bei meinen Gastgebern im Hotel Laudinella einen Anzug eingepackt, dunkel ist der allerdings nicht, es mangelt überdies an der vorgeschriebenen Krawatte und „schwarzen Schnürschuhen“, meine sind eher schwarze Schlüpfschuhe und gut gegen Schnee. Ich geh trotzdem hin.

Entwarnung schon beim Begrüßungs-Champagner, viele Männer tragen keine Krawatten, ich sehe lässig geschulterte Tücher, braune Tagesschuhe, grüne Hosen, Trachten. Insgesamt ist die Festgemeinschaft wesentlich eleganter gekleidet, als bei vergleichbaren Anlässen in Deutschland und auch im Altersschnitt jünger, keine Ahnung warum meine Generation und die folgende(n), zuhause noch so zögerlich sind, mit Gourmetfestivalbesuchen: beim Ticketpreis trifft einen, hier wie dort, immer erst einmal der Schlag, wenn man es dann aber runterrechnet auf durchschnittliche Restaurantbesuche und dann einen Blick auf die Gästeliste wirft, schärft sich das Preis-Leistungsverhältnis deutlich zu Gunsten der Festivals.

Im Atrium des Kempinski Grand Hotel, werden die Gäste dann von der Schweizer Gastro-Legende Reto Mathis vorgestellt. Laudinella-Küchendirektor Rolf J. Schmitz war es gelungen, uns noch Karten zu besorgen, danke Rolf! Denn das ist schlicht ein unglaublich beeindruckendes Line Up:

Yoshihiro Takahashi (Restaurant Hyotei, Kyoto, 3 Sterne)
Takuji Takahashi (Restaurant Kinobu, Kyoto, 3 Sterne)
Tim Raue (Restaurant Tim Raue, Berlin, 2 Sterne)
Mauro Colagreco (Restaurant Mirazur, Menton, France, 2 Sterne)
Andree Köthe (Restaurant Essigbrätlein, Nürnberg, 2 Sterne)
Yoann Conte (Restaurant Yoann Conte, Annency, 2 Sterne)
Christian Scharrer (Restaurant Buddenbrooks, Travemünde, 2 Sterne)
Moshik Roth (Restaurant & samhoud places, Amsterdam, 2 Sterne)
Wolfgang Puck (CUT at 45 Park Lane, London, 2 Sterne)
Palle Enevoldson (Restaurant Varna, Aarhus-Denmark)

Ich könnte ein kleines bißchen Schreien vor Glück. Zusammen mit den jeweiligen Gastgebern der Hotels in denen die Köche während des Festivals kochen, werden an jeder Station zwei Kreationen gereicht. Nicht immer ist dabei sofort ersichtlich, welche Kreation der Gast, welche der Gastgeber gezaubert hat, man präsentiert sich als Team, das finde ich charmant. Los geht’s!

Moshik Roth (Restaurant & samhoud places, Amsterdam, 2 Sterne)
Gastgeber: Bernd Ackermann, Suvretta House

Der Start ist klassisch, ein aromatisch dichter „Cappucchino“ von Mona Lisa-Kartoffeln und schwarzen Trüffeln, kunstvoll schichten sich cremige und schaumige Schichten in der Espressotasse zu einem echten „Wegschlotzer“, das eiskalte Gänseleber-Bonbon „Foie Chérie“ mit Sauerkirsche und dunkler Schokoladenhülle, zergeht selig im Mund.

Tim Raue (Restaurant Tim Raue, Berlin, 2 Sterne)
Gastgeber: Fabrizio Piantanida, Grand Hotel Kronenhof

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Die Begrüßung ist herzlich, kurz wundert sich der Meister: „Was machst Du denn hier?”, dann wird auch schon serviert. „Tintenfisch, Artischocke und Prosecco“ nennt sich das filigrane, mehrteilige Kunstwerk, typisch Raue, vermeintlich klar und doch hochkomplex, wie sich hier eines zum anderen fügt und doch keine Geschmacksnuance verloren geht. Ganz groß. Auch der Sichuan Schweinebauch, butterzart, deutlich geschärft, grandios. Das erste Highlight.

Yoann Conte (Restaurant Yoann Conte, Annency, 2 Sterne)
Gastgeber: Hans Nussbaumer, Kulm Hotel St. Moritz

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Yoann Conte beerbte Küchenlegende Marc Veyrat und gehört mittlerweile selbst zu den ganz Großen. Was er zusammen mit Gastgeber Hans Nussbaumer serviert, ist für mich eines der Highlights des Abends: „Kindheitserinnerung“ heißt die abgefahrene Kombination aus Maiscrème, Polentamousse, karamellisierte und gesalzener Butter, getopp von Popcorn. Ist es ein Zwischengang, ist es eine Süßsspeise – der Gaumen will sich nicht entscheiden, der Kopf ruft: „Mehr davon, noch eins, noch eins!“ Diese cremige Süße der Polenta unter der luftigen Maiscréme, in perfekter Symbiose mit der salzigen Butter und dem Karamell. Hammer! Daneben ganz anders, ganz anders genial: ein Teller voll „Waldduft“ eine kräftige Consomée mit Wurzelgemüsen, Pilzerde und Gnocchis „Piemonteser Art“, die fleischig-buttrig zergehen.

Palle Enevoldson (Restaurant Varna, Aarhus-Denmark)
Gastgeber: Kurt Röösli, Hotel Waldhaus Sils

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Jetzt erst entdecken wir Palle Enevoldson, den dänischen Spitzenkoch hatte uns die Programmvorschau vorenthalten. Der Würfel von Foie gras-Terrine mit Kirsche mag alte Schule sein, ist aber technisch perfekt, die Foie gras von höchster Qualität, harmonisch dazu das Kirschgelee, die gerösteten Haselnüsse in Nussöl und der Zweig Frisée ist auch keine Garnitur. Es sollte viel mehr mit Bittersalaten als Würze gearbeitet werden. Raffiniert und heutiger ist die Komposition aus Beten, Hirschtrockenfleisch, salzig-fruchtiger „Passionsfruchtmeringue“ zusammengehalten von einem aufgespritzten „Lolli“ aus herb-frischem Kuhmilchfrischkäse. Toll!

Yoshihiro Takahashi (Restaurant Hyotei, Kyoto, 3 Sterne)
Takuji Takahashi (Restaurant Kinobu, Kyoto, 3 Sterne)
Gastgeber: Salvatore Frequente, Carlton Hotel

Ich weiß nicht, wie ich es formulieren soll und am liebsten würde ich mich drum drücken. Da gelingt es, die kulinarische Speerspitze Japans nach Europa zu holen, alleine die Anwesenheit von Yoshihiro Takahashi ist eine Sensation, sein Restaurant Hyotei in Kyoto ist seit 400 Jahren berühmt, der Dreisternekoch leitet die Geschicke des Hauses in 15. Familiengeneration – und dann das: der Steinbutt mit geräucherter Konbu, Essig-Rübchen, Wasabi und Zitronenemulsion ist aufgegessen, als wir ankommen, macht nix, Schicksal, wir freuen uns über Sushi von der Makrele und Lachs-Shushi als „Tamari Ball“. Ungläubige Gesichter nach dem ersten Happen. Der Sushireis ist klebrig, verkocht, beinahe schon cremig und wird mehr im Mund. Da muss ein Unfall passiert sein. Mir tut es unglaublich leid für die beiden Starköche aus Japan, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das selbst verbaselt haben. Oder soll das so? Und ich schnall das nur nicht und schreibe hier Unsinn. OMG. Betreten machen wir, dass wir weiterkommen – und hoffen einmal nach Kyoto reisen zu können, denn das kanns nicht gewesen sein.

Wolfgang Puck (CUT at 45 Park Lane, London, 2 Sterne)
Gastgeber: Mauro Taufer, Badrutt´s Palace Hotel

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Unternehmer Wolfgang Puck (der Sternekoch betreibt mittlerweile 21 Gastronomiebetriebe weltweit) hat es nicht zum Opening geschafft, wir kommen trotzdem in den Genuss seiner Produktküche, zwei Klassiker: der Steak Tatar Prime Sirloin auf gegrilltem Brot schmeckt, ist zurückhaltend gewürzt und daher schön „fleischig“ im Geschmack, prima. Der Spicy Thunfischtatar in der Waffel mit Sesam-Miso Tuile ist perfekt gewürzt, Umami pur, ein Genuss. Und ich kann diese Cornet- und Waffel-Schischi-Mode ehrlich gesagt null leiden, diese Cornet ist anders: knusprig und aromatisch, mit viel Sesam und Sojasauce gewürzt. Rad nicht neu erfunden, aber: echtes Soulfood.

Andree Köthe (Restaurant Essigbrätlein (keine Hompage gefunden), Nürnberg, 2 Sterne)
Gastgeber: Christian Ott, Hotel Schweizerhof

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Ich habs immer noch nicht ins Essigbrätlein nach Nürnberg geschafft, aber alle Kulinariker auf deren Wort ich etwas gebe sind begeistert bis zur Verzückung von Andree Köthes Kräuter-, Gewürz und Gemüseküche, hier ist Fleisch die Beilage. Konsequent und mutig servieren Andree Köthe und Gastgeber Christian Ott zwei vegetarische Teller, die mich bis zur Verzückung begeistern. Die Rote Bete mit Bachkresse und Kümmel-Karamel ist hochwürzig, perfekt das Spiel mit Süße und Säure, dazu das leicht bitterscharfe der Bachkresse mit der senfschärfe des Kümmels, ein Erlebnis. Dann das Zitronensauerkraut, hauchfein gehobelt, knackig zart und gerade eben nicht mehr roh, intensives Zitronenaroma, ein Hauch Karamell – eine erfrischende Überraschung: so kann Sauerkraut schmecken. Das ist für mich kulinarische Intelligenz, das begeistert mich: vermeintliche Schlichtheit, die im Detail begeistert, durch ungewöhnliche Kombinationen, geniale Würzung, perfekter Garung, Balance und Eleganz.

Christian Scharrer (Restaurant Buddenbrooks, Travemünde, 2 Sterne)
Gastgeber: Markus Rose, Hotel Giardino Mountain

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Ich freue mich, hier auch Christian Scharre zu treffen und bitte ihn um ein Foto. Eben will ich abdrücken, da springt uns eine freundliche Schweizer Dame ins Bild: sie könne doch auch ein Foto von uns beiden machen! Niemals, niemals käme ich auf die Idee, sowas erspare ich Leuten eigentlich gerne. Na gut. Es dauert minutenlang, immer wieder rutscht der Daumen der Dame auf die Filteranzeige, dann endlich, knips. Danke Christian Scharrer, fürs Durchhalten! Es ist auch noch ein Zeit für einen kurzen Plausch, Christian Scharrer lobt die Organisation, er und seine Jungs fühlen sich wohl und freuen sich auf die Menüabende im Giardino Mountain. Auf die dürften sich auch die Gäste freuen! Das getrüffelte Hühnerei mit Topinambur-Schaum ist jedenfalls elegant gewürzt, cremig gegart. Und der Rote Bete Baiser mit Räuchermatjes und Kaviar ist der perfekte Gabelhappen. Auch so eine Küche, in der vermeintlich Traditionelles, neu interpretiert, zu überraschend heutiger Hochform aufläuft.

Mauro Colagreco (Restaurant Mirazur, Menton, France, 2 Sterne)
Gastgeber: Axel Rüdlin, Kempinski Grand Hotel des Bains

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Den ganze Abend schon laufe ich immer wieder an Mauro Colagrecos Station vorbei, der gebürtige Argentinier war der erste nicht aus Frankreich stammende Koch des Jahres in der französischen Ausgabe des GaultMillau – und ist heute hier fürs Dessert zuständig. Der Mann ist eine Schau, fröhlich und charmant flirtet er mit dem Publikum, lacht herzlich, macht Witze und hat ein freundliches Wort für jeden. Ganz klar, der Mann liebt was er tut. Als ich endlich an der Reihe bin, ist nicht nur die „Quitte & Ziege“ aus, sondern auch „Safran Espuma et Mousseline“. Ein Tablett mit Champagner für die Küchenmannschaft wird serviert, Mauro Colagreco entschuldigt sich wortreich, da reicht ein guter Geist aus der Kempinski Küche Dessert-Nachschub herein. Es gibt wieder „Safron Espuma et Muosseline“! Koch und Gäste freuen sich gleichermaßen, Colagreco prostet seinem Team zu, nimmt einen großen Schluck Champagner, Augenzwinkern, weiter geht’s! Die Köstlichkeit ist kompliziert und mehrteilig und ein Gesamtkunstwerk: unten im Teller eine cremige Vanille-Mousseline, fruchtige Orangenstücke und ganze Mandeln. Dazu Fetzen eines nicht zu süßen Schaumkuchens, überhaupt ist hier alles kaum süß, Frucht und Safran spielen die Hauptrollen, weißer Safran-Espuma und eine Nocke kühles Safran-Orangeneis. Alles passt, alles ist perfekt dossiert, selbst die ganzen Mandeln, gerade die ganzen Mandeln machen Spaß im Gesamtspiel. Merci, bien!

Was für ein großartiger Abend! Das Programmheft droht jetzt mit Party und Liveband. Und die legen direkt los. It´s raining men. You are the sunshin of my life. I will survive. Ich schnappe mir meine Jacke und genieße auf dem Heimweg die Stille unterm Sternenzelt, das Knirschen der Schritte im Schnee.

Schlaraffenland in der Schweiz

Posted on | Januar 12, 2014 | 2 Comments

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Das wir die so übersichtliche wie treue Schar meine LeserInnen aus der Schweiz eventuell besonders interessieren: es gibt tatsächlich eine kulinarische Lesung aus meinem Schlaraffenland-Buch in der Schweiz. Ich freue mich sehr! Am Montag den 20. Januar lese ich im Rahmen der Brasserie littéraire im Laudinella Hotel in St. Moritz, mit Apéro, korrespondierendem 3-Gang-Menu und Weinbegleitung.

Zu verdanken habe ich diese Einladung der Hamburger Kulturbehörde, die mich im vergangenen Jahr mit dem Laudinella-Stipendium ausgezeichnet hat, sowie dem Stifter des Preises, Gastgeber und Hoteldirektor Felix Schlatter, der sich nicht nur der Kultur, sondern auch Hamburg verbunden fühlt: in der Hansestadt betreibt er das Literaturhotel Wedina im Stadtteil St. Georg. Ich habe hier im Engadin die Möglichkeit bei Kost und Logis als Writer in Residence eine Zeit lang sorgenfrei und fern des persönlichen Alltagstrubels die Arbeit an meinem Roman voran zu bringen – und diese Möglichkeit nehme ich konzentriert war.

Das Laudinella ist ein wunderbarer Ort dafür, ein charmantes Berghotel von Schweizer Understatement geprägt, liebevoll im Detail, Sport und Kultur sind hier Zuhause. Man gönnt sich ein eigenes Kulturprogramm und ich durfte direkt nach meiner Anreise den Engadiner Künstler und Weltenbürger Not Vital kennen lernen, der im Konzertsaal des Hotels höchst inspirierend vom Leben und der Kunst erzählte.

Und eben der Sport! Da werden jetzt die, die mich privat kennen, ganz besonders was zu lachen haben: jeden Tag beginne ich mit Frühsport im Fitnessraum. Und ich bin nicht allein. Ich trainiere hier täglich mit den Bob-Nationalmannschaften aus den USA und Kanada. Das ist herausfordernd fürs Ego, gut für die Figur.

Es scheint aber auch schon zu wirken: vorgestern wurde ich vom Service der hoteleigenen Pizzeria dem amerikanischen Worldcup-Team zugeordnet! Yeeesss! Ja! Danke. Ehrlich gesagt, wohl eher im Bereich: Leute, das ist glaube ich der Typ, der unten in der Garage die Schlitten wachst – aber immerhin! Ich fliege jedenfalls seitdem gedanklich jeden Eiskanal hinunter.

Wenn Sie sich selbst von meinen olympischen Qualitäten überzeugen mögen, besteht noch bis zum 15. Januar die Möglichkeit, Karten für die Laudinella-Schlaraffenland-Lesung am 20. Januar 2014 um 19:00 Uhr zu bestellen.

Die Lesung mit Apéro, 3-Gang-Menu und Weinbegleitung gibst für CHF 45 p.P.

Reservierung Reservation unter:

Tel.: +41 81 836 06 02 oder per Mail an: corina.hoesli(at)laudinella.ch

www.laudinella.ch

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